EMILY
Ich bin glücklich. Meine kleine Tochter Emily ist bei mir.
"Papi, lass uns nach draußen gehen, heute ist so ein schöner Tag!"
"Ach, Emily endlich bist du da. Du glaubst gar nicht wie glücklich du mich machst. Ich habe mich schon die ganze Woche auf dich gefreut!"
"Mami sagte, dass sie nicht wieder zu dir kommen möchte. Sie sagt sie hätte Angst vor dir!"
"Hast du denn etwa auch Angst vor mir ?
"Nein natürlich nicht! Du bist doch der liebste Papi auf der ganzen weiten Welt!"
Ich nehme Emily in meine Arme und drücke sie an mich. Jeden Samstag darf ich sie sehen. Die restlichen Tage verbringt sie bei ihrer Mutter.
"Emily, du hast ja ein wunderschönes Kleid an, pass bloß auf, dass du es nicht schmutzig
machst, wir wollen doch heute in den Botanischen Garten gehen."
Ich nehme Emily an meine Hand und wir verlassen das große Haus durch den Haupteingang. Nach wenigen Metern sind wir auch schon am Botanischen Garten angelangt. Meine Tochter bleibt vor jeder neuen Blume stehen und jedes Mal fragt sie mich nach dem Namen der Pflanze
"Das ist eine Sonnenblume, man nennt sie Asteraceae."
"As-ter-a-cea-e", spricht meine Tochter leise vor sich hin.
Emily ist klug, ich achte sehr auf ihre Bildung, sie soll es einmal besser haben als ich.
Mir hat nie jemand ernsthaft etwas zugetraut. Meine Tochter ist der Inhalt meines Lebens. Was wäre ich nur ohne sie? Hand in Hand gehen wir am See entlang und schauen den Enten zu, wie sie versuchen Brotkrümel von der Erde zu picken, welche sie von den Leuten auf den Parkbänken zugeworfen bekommen. Auf einmal schaut mich Emily forschend an und unerwartet : "Papi, bist du traurig?"
Ich fange an zu lächeln: "Ich bin niemals traurig wenn du bei mir bist!"
"Das ist schön Papi!", sie lächelt mich an und es ist als wenn die Sonne in meinem Herzen aufgeht. Meine Tochter hat zwei niedliche Grübchen in ihrem kleinen ovalen Gesicht. Eigentlich sind Grübchen nur eine Bindegewebsschwäche, aber das weiß Emily noch nicht. Es gibt wichtigere Dinge die ich ihr beibringen will. Meiner kleinen, süßen und aufgeweckten Emily.
"Papi, jetzt gehen wir aber in den Zoo oder?"
"Ja, Emily jetzt gehen wir in den Zoo."
Die wenigen Kilometer gehen wir beide zu Fuß, Emily beklagt sich nie.
Unterwegs erzählt sie mir ihre Geschichten, kleine Geschichten und ich erzähle ihr meine Geschichten, große Geschichten. Manchmal denke ich mir selber eine aus und manchmal erzähle ich ihr aus den Büchern die ich als Kind gelesen habe.
Emily kann erst seit kurzem lesen. Ich habe es ihr selbst beigebracht und bin sehr stolz auf meine Kleine.
"Papi, glaubst du, dass ich den "kleinen Prinzen" auch einmal treffen werde?"
"Ganz bestimmt Emily, ja vielleicht besucht er gerade jetzt wieder unseren Planeten."
"Papi, was heißt das eigentlich so genau, nur mit dem Herzen sieht man so richtig gut?"
"Das heißt, dass man mit seinem Herzen, das Wesen eines Menschen viel besser einschätzen kann, als es mit dem bloßen Auge möglich ist. Das Herz sieht Dinge, die für die Augen unsichtbar sind."
"Das ist schön Papi"
Emily schließt für eine Weile ihre Augen und plötzlich strahlt sie: "Ich kann Mami sehen,
obwohl sie gar nicht vor mir steht!"
"Ja Emily, so ergeht es auch mir?"
Nun sehen wir auch schon den Eingang des Zoos. Ich kaufe mir eine Eintrittskarte.
Emily braucht keinen Eintritt zu zahlen, sie kommt immer umsonst in den Zoo. Wir Beide waren schon unzählige Male hier, doch Emily ist immer noch Feuer und Flamme.
Wir gehen am Gehege der Lamas entlang, wir schauen den spielenden Erdmännchen zu und als wir am Vogelgehege vorbei gehen, bleiben wir vor dem lachenden Hans stehen. Emily liebt diesen Eisvogel, er hat so einen schönen Namen sagt sie.
Unser Zoobesuch wäre jedoch nicht vollendet, wenn wir nicht auch die Raubkatzen besuchen würden. Als wir vor dem schwarzen Panther stehen, zitiere ich das berühmte Gedicht von Rilke und Marie wird ganz traurig, weil sie weiß, dass Rilke Recht hat, sie würde den Panther am liebsten sofort freilassen.
"Papi, es wird Zeit, dass du mich zurück zu Mami bringst."
Ihre großen braunen Augen schauen mich an, ich weiß dass sie Recht hat, es ist schon spät, aber ich will sie noch nicht gehen lassen: "Wir gehen ja gleich, aber vorher schauen wir noch auf dem Spielplatz vorbei, oder hast du darauf etwa keine Lust?"
"Au ja, Papi!"
Emily freut sich schon auf die anderen Kinder und eilig machen wir uns auf den Weg.
Am Spielplatz angekommen, steigt Emily zu allererst auf die große Elefantenrutsche, sie kreischt vor Vergnügen als sie hinabrutscht. Ich setzte mich auf eine Bank, sowie es andere Eltern auch tun, und schaue meiner Kleinen beim Spielen zu, genau so wie es andere Eltern auch tun. Emily hat auf einmal keine Lust mehr zu rutschen und sie setzt sich mit ein paar anderen Kindern in das kleine Karussell. Eines der Kinder gibt dem Karussell ordentlich Schwung und meine Tochter lacht als sie sich immer schneller dreht.
Die Fliehkraft drückt meine Kleine nach außen, ob sie wohl weiß, was Fliehkraft überhaupt bedeutet? Ich werde es ihr wohl eines Tages erklären müssen.
Die Kinder jauchzen vor Vergnügen, doch dann wird einem der Kleinen übel und das Karussell wird gestoppt. Auch Emily ist etwas grün um die Nase, tollpatschig steigt sie aus und schnappt nach Luft. Mein Blick schweift über den Sandkasten, dort sitzt ein kleines Mädchen mit braunen gelockten Haaren und baut eine Sandburg. Sie scheint ebenso alt wie Emily zu sein und schon kommt schon meine Tochter herbeigelaufen. Sie setzt sich neben das fremde Mädchen und Emily hilft ihr dabei die Sandburg noch zu verschönern. Ich schaue ihr dabei fasziniert zu. Eine Frau mit ebenfalls braunen gelockten Haaren geht plötzlich auf den Sandkasten zu: "Anna, komm. Wir müssen gehen." Die Frau nimmt ihre Tochter an die Hand und zieht sie aus dem Sandkasten.
Unsere Blicke treffen sich, als sie an mir vorbei geht, sie schaut mir misstrauisch und auch etwas ängstlich in die Augen, doch bevor ich etwas sagen kann, kommt auch schon Emily auf mich zu.
"Papi, wir müssen jetzt wirklich los, sonst wird Mami noch böse!"
Sie hat Recht und wir verlassen den Zoo, es ist schon später Nachmittag als wir uns auf den Weg zu Emilys Mutter machen. Wir sind nur noch wenige hundert Meter entfernt, als wir an einem kleinen Bauernhof vorbei kommen. Der Besitzer des Hofes steht an der Straße und vor ihm auf dem Boden liegt ein Karton aus dem leises Miauen zu hören ist.
Emily beugt sich über den Karton und ist begeistert: "Ach, wie süß die sind, schau Papi wie süß die Katzenbabys sind!" Emily streichelt die Katzen und es ist eine wahre Freude ihr dabei zuzuschauen.
Der Bauer fragt mich: "Sind sie vielleicht an einem Katzenjungen interessiert? Unsere Katze hat nämlich vor ein paar Tagen geworfen und jetzt wissen wir einfach nicht wohin mit all den Kleinen."
Ich schaue zu Emily.
"Ich hätte sehr gerne ein Kätzchen für meine Tochter."
"Zwei Papi, zwei Kätzchen, bitte!"
"Nein ich hätte sogar gerne zwei, wenn dies möglich ist, am liebsten die kleine Schwarze und die Gescheckte!"
"Nun gut, ich hoffe nur, dass ihre Tochter sich auch gut um sie kümmern wird."
"Oh, darauf können sie sich verlassen ... Aber tun sie mir bitte einen Gefallen, ich habe erst noch etwas zu erledigen und würde dann gegen Abend noch einmal bei ihnen vorbei schauen um die Katzen abzuholen, ich hoffe ich mache ihnen nicht zu viel Arbeit!"
"Selbstverständlich, klingeln sie einfach an der Haustür meine Frau wird dann schon aufmachen. Na dann bis heute Abend!" Marie und ich gehen weiter.
"Danke Papi, vielen, vielen Dank. Ich habe auch schon einen Namen für die Katzen, wie wäre es mit "Castor" und "Pollux"?"
"Das sind zwei besonders schöne Namen, du bist klug Emily, sehr klug!"
Meine Tochter und ich gehen weiter und halten kurz vor Ladenschluss an einem Blumenladen. Ich kaufe einen Strauß Tulpen, eine Sonnenblume und einen Leinenbeutel und wir machen uns wieder auf den Weg.
"Papi, wir sind gleich da!"
Ich werde traurig, denn Emily hat Recht. Gemeinsam lassen wir das große Tor hinter uns und laufen den Kiesweg entlang, mir wird ganz flau ums Herz als wir schließlich vor ihr stehen.
"Hallo Mami", sagt Emily leise.
"Hallo Schatz", sage ich leise, dann lege ich den Strauß Tulpen auf ihr Grab.
"Mami schläft hier."
"Ja Emily, Mami schläft hier."
Emily geht nun ein paar Schritte an die Seite: "Und dort schlafe ich ..."
"Ja, dort schläfst du."
Ich stehe vor Emilys kleinem Grabstein. Heiße Tränen fließen über meine Wangen als ich die Sonnenblume auf ihr Grab lege.
"Hier schlaft ihr Beide..."
"Papi, es hat nicht weh getan .... Papi, jetzt musst du aber gehen, du wirst zurück erwartet. Lass mich hier bei Mami, ich werde dich bald wieder besuchen kommen. Ciao Papi!"
"Ciao, Prinzessin".
Ich verlasse den Friedhof und gehe zum Bauernhof. Dort hole ich die Katzenjungen ab. Ich gehe zur alten Brücke am Fluss und achte darauf, dass mich niemand sieht. Ich nehme die Katzen aus dem Karton und stecke sie in meinen Leinenbeutel. Ich knote ihn zu und gehe knietief ins Wasser. Die Katzen wehren sich als ich sie unter Wasser tauche, sie kämpfen um ihr Überleben, aber ich lasse ihnen keine Chance. Nach ein paar Minuten gibt es keine Gegenwehr mehr, sicherheitshalber halte sie jedoch noch weiter unter Wasser. Mit bloßen Händen grabe ich ein Loch und lege die toten Katzen hinein und bedecke ihre kleinen Körper mit Erde. Ich nehme den Bus und mache ich mich schleunigst auf den Weg zurück ins Sanatorium, ich komme gerade noch rechtzeitig bevor mein Fehlen beim Abendessen jemanden aufgefallen wäre. Das Essen ist mal wieder fad, ich muss an Emily denken. Endlich kann ich zurück in mein Zimmer, zu meiner Freude sitzt Emily bereits auf meinem Bett und hält die Katzenjunges in ihren kleinen Armen.
"Danke Papi, jetzt kann ich immer mit ihnen spielen!" Ich bin glücklich.
"Emily, ich liebe dich! Bald schenke ich dir du auch eine kleine Freundin zum Spielen, schon sehr bald!"