Wetterelfe
Molly schimpfte… seit einer Wochen schon konnte sie nicht zum Spielen nach draußen gehen. Dabei waren doch Sommerferien, und sie freute sich schon das ganze Jahr auf die Freizeit , das herrliche Wetter, saftiges grünes Gras, Schmetterlinge und zwitschernde Vögel. Doch in diesem Jahr stürmte, hagelte und schneite es, ohne ein Ende in Sicht.
Auch ihr Bruder Mike ärgerte sich über das Wetter. Schon drei mal hatte er versucht einen Drachen am Flussufer steigen zu lassen, und jedes mal zeriss der Stoff im Sturm. Auch er hatte sich auf den Sommer gefreut. Nun saßen die beiden Kinder im Spielzimmer des Hauses, sahen dem neuerlichen Schneefall zu und bliesen Trübsal.
Da kam Molly eine Idee. Die Großmutter erzählte ihnen einmal von der Wetterfee, die irgendwo auf einer Wolke saß und das Wetter steuerte. Vielleicht war sie krank geworden oder verreist? Sie schlug Mike vor die Fee aufzusuchen und um den wohlverdienten Sommer zu bitten. Die Kinder waren begeistert und voller Tatendrang, wenngleich sie nicht wussten, wie um Himmels Willen sie auf eine Wolke gelangen sollten. Trotzdem rannten sie sogleich hinunter zu Mutter in die Küche und berichteten von ihrem Vorhaben.
Mutter lachte, faselte etwas von „Klimawandel“ und winkte kopfschüttelnd ab. Feen gebe es nicht, es täte ihr leid um die verpassten Sommerferien, aber bei diesem Schneesturm wolle sie die Kinder nicht zum spielen hinaus gehen lassen. Enttäuscht trotteten Molly und Mike wieder hoch in ihr Spielzimmer und starrten aus dem Fenster. Da flüsterte Mike: „Du Molly, warum schleichen wir uns nicht einfach aus dem Haus, wenn Mutter und Vater fernsehen und uns zu Bett schicken“?
Die Schwester stimmte dem Vorschlag sofort zu. Gemeinsam warteten die Kinder geduldig auf den Abend und feilten derweil weiter an ihrem Plan. Als die Mutter zum Abendessen hinunterrief, versuchten sie ihre Euphorie zu verbergen und schimpften noch etwas über das Wetter. Als sie aufgegessen, und gemeinsam mit Vater den Tisch abgeräumt hatten, putzten sie sich die Zähne, zogen ihre Pyjamas an, wünschten den Eltern eine gute Nacht und stiegen nach oben in ihre Zimmer.
Sie warteten geduldig bis Mutter und Vater sich im Wohnzimmer vor den Fernseher hockten und das Licht erlosch. Dann schlichen beide zur Diele, streiften ihre Mäntel über das Schlafzeug , und schlichen auf leisen Sohlen die Treppe hinunter, am Wohnzimmer vorbei bis zur Haustür. Dort zogen sie ihre Stiefel an und verließen das Haus. Draußen hatte es aufgehört zu schneien und die Sonne ließ sich durch die dichte Wolkendecke blicken. Viel Zeit würde ihnen nicht bleiben, bis es dunkel wurde, und sie wieder Heim mussten. So flitzten sie über das Feld hinterm Haus den wärmenden Sonnenstrahlen entgegen. Die Sonne lugte durch eine besonders dicke Wolke, das musste die Wolke der Wetterfee sein. Vielleicht versuchte sie ja die Sonne scheinen zu lassen, aber etwas hinderte sie daran?! Sie rannten weiter über das Feld, bis die Wolke genau über ihnen schwebte und blickten in den Himmel. Es war unerreichbar hoch, niemals würden sie dorthin gelangen. Molly sank zu Boden und fing zu weinen an. Mike kniete sich neben sie und tröstete seine Schwester. Er zog Molly hoch, und wollte mit ihr nach Hause gehen, bevor die Eltern ihre Abwesenheit bemerkten, als plötzlich der Himmel über ihnen aufbrach und einen herrlichen bunten Regenbogen zur Erde hinunterschickte.
Die beiden Geschwister starrten sich mit offenen Mündern an, nahmen sich bei den Händen und wagten sich ein paar Schritte auf den Regenbogen zu. Mike wagte sich als erster den bunten Lichtstrahl zu berühren. „Hey Molly“ würgte er hervor, „ das hier ist kein einfacher Regenbogen, er fühlt sich ganz fest an, wie der Boden in Mutters Küche“. Die Kinder gingen vorsichtig weiter, und traten einen Schritt auf den sonderbaren Regenbogen. Und tatsächlich, man konnte auf ihm stehen. So liefen sie immer weiter und stiegen dabei immer höher zum Himmel empor, bis sie die Wolke erreichten. Dort oben war es grau und finster, und die Luft war feucht und schwer. Da bewegte sich etwas im Nebel. „Ist jemand hier“ fragte Molly. Da hauchte eine leise schwache Stimme: „Ich bin hier, die Wetterfee, seit einer Woche warte ich schon auf euch, nun seid ihr endlich zu mir gekommen“. „Du wartest auf UNS“ stotterte Molly. „Ja, gewiss auf euch“, hauchte die Fee, ich bin sehr krank geworden und nur 2 besondere Kinder wie ihr, könnt mir helfen wieder gesund zu werden“. „Ich brauche Medizin von der Erde, sonst werde ich mich in 3 Tagen in einen schäbigen Troll verwandeln, und nie wieder die Sonne scheinen lassen können“. „Werdet ihr mir helfen“?
„Aber natürlich“, antworteten die Kinder wie aus einem Munde, „was können wir tun“? „Ich brauche einen Esslöffel Erdnussbutter , 2 Gummibärchen und einen Teelöffel Zitronenlimonade, um wieder gesund zu werden“. „Bist du sicher, dass das hilft“, fragte Mike, wir auf der Erde bekommen Medizin vom Doktor wenn wir krank sind“. „Ich bin sicher“ entgegnete die Fee, aber leider kann ich nicht hinunter auf die Erde kommen um mir die Zutaten zu holen, dort unten würde ich zu Staub zerfallen“. „ Oh das wäre ja furchtbar“, sagte Molly „wir werden dir gleich morgen alles bringen, wonach du verlangst“. Da trat die Fee aus dem Nebel und schritt anmutig auf die Geschwister zu. Die Kinder erstarrten im Angesicht ihrer Schönheit. Sie trug ein seidenes weißes Kleid, hatte lange blonde Locken und Augen – so blau wie der Himmel an einem klaren Sommertag. Sie war blass und hatte Ränder unter den Augen – ja, sie war wirklich krank. Sie drückte den Kindern einen Schlüssel und eine Karte in die Hand und erklärte, dass die Karte den Weg zu einer geheimen Tür aufzeigt, die mit dem Schlüssel geöffnet werden konnte. Hinter dieser Tür befand sich eine Treppe, die hinauf zur Wolke führte. Noch einmal konnte sie keinen Regenbogen zur Erde schicken, dafür war sie schon zu schwach. Dies war nun der einzige Weg ihr die Medizin zu bringen. Mike und Molly mussten versprechen niemandem um das Geheimnis der Karte und der Tür zu erzählen. Die beiden schworen es, und die Fee küsste sie zum Abschied auf die Stirn, und schickte sie die Treppe hinunter, zurück auf die Erde. Unten angekommen faltete Mike die Karte sorgfältig zusammen und steckte sie in die Tasche seines Mantels. Molly nahm den Schlüssel und schob ihn in einen ihrer Stiefel. Dann rannten sie über das Feld zurück zum Haus, schlichen sich hinein, legten Mantel und Schuhwerk ab, und gingen zurück in ihre Betten. Erschöpft, aber glücklich schliefen sie ein und erwachten erst am nächsten Morgen, als die Mutter zum Frühstück rief. Die Geschwister putzten die Zähne, zogen frische Wäsche an und liefen hinunter in die Küche. Die Eltern hatten nichts von ihrem Ausflug bemerkt, so schlangen sie das Frühstück hinunter und räumten den Tisch ab, während der Vater zur Arbeit aufbrach, und die Mutter in der Waschküche bügelte. Heimlich stahlen sie einen Esslöffel Erdnussbutter und 2 Gummibärchen. Dann streiften sie Mantel und Stiefel über und machten sich im Regen auf den Weg zur Großmutter. Dort angekommen, klagten sie über das schlechte Wetter, und ließen sich von Großmutters selbstgemachter Zitronenlimonade entschädigen. Sie nahmen ein Fläschen davon an sich, verabschiedeten sich rasch und liefen zurück zu dem Feld hinter dem Elternhaus. Dort zog Mike die Karte aus der Tasche und faltete sie auseinander. Die Kinder steckten die Köpfe zusammen, und staunten nicht schlecht, als sich selbst darauf abgebildet vorfanden, vor ihnen in Gold gezeichnet ein Weg, der zur geheimen Tür führte. Langsam folgten sie der Zeichnung, bis sie an einem Baum, ein mit Ranken bewachsenes Schlüsselloch entdeckten. Es war so gut versteckt, niemals hätten sie es ohne die Karte gefunden. Molly holte den Schlüssel hervor, schob ihn ins Schloss uns öffnete die Tür. Wie versprochen, erblickten sie dahinter eine schlichte Treppe und stiegen sie schnell empor.
Oben angekommen, fanden sie sich wieder auf der Wolke wieder, die sie schon am Abend zuvor besucht hatten, und riefen im grauen Nebel nach der Wetterfee. Ganz leise hauchte sie „Hier bin ich, hier drüben“. Mit letzter Kraft richtete sie sich auf, und winkte die Kinder zu sich. „Wir haben alle Zutaten für deine Medizin besorgt“, berichtete Molly. Die Fee holte eine goldene Schale hervor und bat die Kinder, alle Zutaten hineinzugeben. Mike und Molly taten wie ihnen aufgetragen wurde, gaben einen Esslöffel Erdnussbutter, 2 Gummibärchen und einen Teelöffel Zitronenlimonade in die Schale und verrührten alles miteinander. Die Fee nahm die Schüssel entgegen, und trank das Gebräu in einem Zug. Sie schüttelte sich und verzog das Gesicht. Dann plötzlich hob sie vom Boden ab, und schwebte in der Luft. Sie schloss die Augen und breitete die Arme aus, als ihr Flügel auf dem Rücken wuchsen. Wunderschöne bunte Lichtstrahlen schossen aus ihrem Körper. Dann sank sie wieder auf die Wolke, streckte sich und schenkte den verblüfften Geschwistern ein Lächeln. „ Ich hatte meine Flügel verloren, als ich unterwegs zu dieser Schlechtwetterwolke war, so wurde ich krank, und konnte nicht zurück auf die Sonnenwolke“. „Wisst ihr, ab und zu muss ich es auch im Sommer regnen lassen. Nur so wachsen all die schönen Blumen, und alle Tiere haben genug zu trinken“.
„Dank euch habe ich meine Flügel wieder und bin gesund, nun kann ich die Sonne wieder scheinen lassen und die Vögel singen hören“. „Vor vielen vielen Jahren ist mir schon einmal ein solches Unglück passiert“. Aber kein Kind auf Erden glaubte an mich, und so war ich meinem Schicksal als Troll schon sehr nahe. Nur ein einziges Kind wagte sich vor, und besuchte mich auf meiner Wolke um mir zu helfen – Eure Großmutter“. „Oh wirklich“, staunte Molly, „dann war also die Geschichte die Großmutter uns über dich erzählt hat wahr“. „Ja“, flötete die Fee, und ihre Stimme klang nicht mehr heiser, sondern wie ein helles Glockenspiel. „In Zukunft passe ich im Nebel der Schlechtwetterwolke besser auf mich auf, das verspreche ich“. „Ich danke euch für eure Hilfe – hier, nehmt dieses Glas als Geschenk, darin ist etwas Wetter „. Damit könnt ihr die Sonne in euren Zimmern scheinen lassen, wann immer ihr wollt, gebt gut darauf acht, und verratet niemandem euer Geheimnis“. „Nein, niemals, versprachen die Kinder“. „Nun, dann geht schnell wieder hinab zur Erde, und kommt mich bald wieder besuchen“. Die Geschwister verabschiedeten sich von der schönen Fee, und liefen die Stufen der Treppe hinunter. Als sie unten die Tür öffneten, trauten sie ihren Augen kaum. Die Sonne schien, Schmetterlinge flatterten über das Feld und die Vögel in den Bäumen sangen fröhliche Lieder. Molly und Mike nahmen sich bei den Händen, lachten und gingen Heim. Sie verstecken das Glas Wetter oben in ihrem Spielzimmer und freuten sich schon, es im Winter benutzen zu können. Als sie am Nachmittag Besuch von der Großmutter bekamen, sagte die Mutter: „ Das Wetter spielt wirklich verrückt, gestern schneite es, und heute scheint die Sonne“. „Nun wird es nicht mehr schneien und stürmen, der Sommer ist da“, entgegneten die Kinder, und warfen der Großmutter einen verstohlenen Blick zu. Sie lächelte, prostete den Kindern mit der Zitronenlimonade in ihrem Glas zu. Dann zogen Mike und Molly ihre Schuhe an, traten in die warmen Sonnenstrahlen hinaus und genossen den Rest ihrer Ferien.
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eisbär die zweite
Am Nordpol lebte einst ein Eisbär, den nannten alle Kuno den Kühnen, denn Kuno war ein starker, großer und besonders mutiger Eisbär. Er war selbst für Eisbärenverhältnisse sehr groß, er war in seinem Eisbärendorf der Größte.
Und der Ausdauernste war er auch, wenn es ums Rennen oder Jagen ging.
Kuno war der beste Jäger des ganzen Eisbärendorfes, und nicht selten kam es vor, daß er von seinen gefangenen Fischen einige schöne Exemplare herschenkte an andere Eisbären, die nicht so erfolgreich waren bei der Jagd.
Aber Kuno war schwermütig.
Die Schwermut hatte ihn schon oft befallen, sie war ihm als Begleiter vertraut, kam sie doch immer vor der großen Müdigkeit, die alljährlich ihn und das ganze Dorf befiel. Die sich schwer wie Blei in die Knochen legte und sie träge werden ließ, bis alle sich in Kunos Höhle versammelten (denn seine Höhle war die größte Höhle des Dorfes), sich einen Platz dicht bei den anderen suchten, um dann tief und traumlos lange zu schlafen.
Kuno hatte viel Zeit zugebracht sich zu fragen, woher die Schwermut käme und warum.
Als die Eisbären des Dorfes sich wieder in seiner Höhle versammelten, ging Kuno alleine zu seiner Lieblingseisscholle vor dem Dorf und schaute auf zum Horizont. Über Schneelandschaften und Robben hinweg, über die schönen Eisblumenfelder, und dort, wo der Horizont aufhörte, sah er die Sonne.
Sie war, wie immer, wenn ihm so schwer zu Mute war, der Erde sehr nahe, ihr Licht war rötlich bis orange und sie strahlte nicht mehr hell und gelb. Immer sah sie aus, als würde sie auf die Erde fallen.
Da wurde Kuno bewußt, woher seine Schwermut stammte.
"Die Sonne", dachte er.
"Wie gerne bin ich mit ihr zusammen, lasse mir ihre Strahlen warm auf den Pelz scheinen und mich wärmen, wie liebe ich dieses helle Licht auf dem Eis, wenn alles funkelt, blitzt und strahlt. Und mit ihr zu spielen ...“ (er spielte oft mit ihr, Fangen zum Beispiel, aber sie war immer schneller als er, er hatte sie noch nie einholen können).
"Diesmal", dachte sich Kuno, "diesmal werde ich nicht bei den anderen in meiner Höhle liegen und schlafen, diesmal werde ich wach bleiben und beobachten, wo sich die Sonne schlafen legt. Ich werde versuchen heraus zu finden, wo sie auf der Erde landet und dann werde ich die anderen wecken und ihnen davon erzählen".
So waren Kunos Gedanken, denn er wußte ja nicht, daß die Sonne gar nicht wirklich auf die Erde fällt (und schon überhaupt nicht auf den Nordpol, dann würde ja alles Eis schmelzen), und als er zu Ende gedacht hatte, ging er zurück in sein Dorf, wünschte seinen Freunden eine gute Nacht und lief los, der Sonne entgegen.
Müde war er, und kalt war ihm auch, es gab nicht mehr viel Licht am Nordpol, die Sonne war nur noch ein roter Halbkreis am Horizont, und Kuno wurde etwas bange, denn er wußte nicht, wo er die Sonne suchen sollte, wenn sie ganz verschwunden wäre.
Doch Kuno war Kuno der Kühne, und daher ließ er sich von seinen Gedanken nicht ablenken, auch nicht von der Kälte, und so spazierte er immer weiter dem Horizont entgegen.
„Irgendwann muss ich ja dort ankommen, wo die Sonne sich schlafen legt“, dachte er.
Er ging viele Stunden, es wurde dunkler und kälter, und dann war der Moment gekommen, als Kuno von seiner Müdigkeit übermannt wurde. Er suchte sich eine kleine Eishöhle und legte sich dort hinein, um ein wenig nur zu schlafen und dann mit neuen Kräften weiterzuziehen.
Kuno schlief nicht gut und nicht lange.
Dazu muß man natürlich wissen, daß Eisbären normalerweise sehr lange schlafen, manche schlafen Wochen oder Monate, ohne einmal aufzuwachen.
Kuno aber war so aufgeregt und tatendurstig, daß er sehr kurz schlief, vielleicht drei Tage, oder vier. Danach wachte er, alleine und immer noch sehr müde, in der Höhle auf und sah sich um. Es war dunkel, nur am Himmel, weit über dem Horizont, waren kleine Lichter zu sehen.
Aber von der Sonne gab es keine Spur.
Kuno wurde bange ums Herz.
"Die Sonne ist weg !", dachte er traurig, als er nach oben sah.
"Sie ist auf die Erde gefallen und zerbrochen. Am Himmel sind nur noch kleine Scherben von ihr zu sehen, lauter kleine Sonnenscherben.“
Er war traurig, und Hunger hatte er auch, denn er hatte auf seiner Reise nicht einen Fisch gefangen, so beschäftigt war er damit gewesen, die Sonne zu jagen und die Müdigkeit zu vergessen.
Er saß vor einer kleinen Höhle, die nicht seine war, niemand von seinen Freunden, die sich an ihn kuschelten und so Wärme und Nähe teilten, war hier. Hier gab es keine Vorratskammer, aus der er sich eben mal einen Fisch holen konnte, um seinen Hunger zu stillen. Und es war zu dunkel, um den Rückweg zu seinem Dorf, zu seiner Höhle zu finden.
Er fühlte sich elend und gar nicht mehr so kühn.
Da hörte er neben sich eine Stimme, es mußte ein sehr kleines Tier sein, das da mit Kuno sprach, denn die Stimme klang leise und dünn.
Sie sagte : "Lieber weißer Bär, warum bist du denn so traurig ?"
Kuno blickte sich um, konnte aber nicht ausmachen, woher diese Stimme kam, er konnte ja nicht mal die eigene Pranke vor Augen sehen.
Er fragte ins Dunkle zurück :
"Wer spricht denn da mit dem armen Kuno ? Komm doch bitte näher und laß dich ansehen, ich kann einen Freund jetzt wirklich gut brauchen."
Er hörte leise, trippelnde Schritte, dann spürte er auf seiner Schulter zwei kleine Füße, und die Stimme erklang plötzlich sehr nah an seinem Ohr :
"Ich bin ein Schneefink“, sagte der Schneefink.
"Ich heiße Fritz und ich liebe die Dunkelheit, denn dann kann ich herumfliegen und mir unseren schönen Nordpol ansehen, ohne daß ich Angst davor haben muß, daß mich ein wildes Tier fressen will. Und wer bist du ?"
Kuno versuchte im Dunkeln etwas von Fritz dem Schneefinken zu erkennen, aber er gab es auf und schloß die Augen. Er holte tief Luft.
"Ich bin Kuno, der Eisbär" (daß er "der Kühne" genannt wurde, wollte er nicht erwähnen), "und ich wollte die Sonne fangen, aber jetzt ist sie auf die Erde gefallen und in Tausenden von Scherben am Himmel. Und ich finde im Dunkeln nicht mehr den Weg nach Hause. Dabei wäre ich doch so gerne wieder in meinem Eisbärendorf bei meinen Freunden und würde noch ein wenig bei ihnen schlafen, denn müde bin ich auch, und hungrig.
Und ein bißchen Angst habe ich auch ..."
Das hatte er sehr leise gesagt, denn es war ihm peinlich, einem Vogel gegenüber zuzugeben, daß er Angst hatte.
Aber Fritz hatte es gehört, denn der Fink flog ja direkt vor des Bären Schnauze, und es rührte ihn, daß dieser große Bär Angst und Heimweh hatte. Er hatte Mitleid mit Kuno, dem großen, weißen Bären.
"Weißt du was ?", fragte Fritz. "Wir suchen gemeinsam den Weg zu Deinem Dorf, ich kann in dieser Dunkelheit sehen, und du kannst mich beschützen, falls uns unterwegs jemand begegnen sollte, der mir Böses will. Wie findest du das ?"
Kuno gefiel der Gedanke, und so zogen die beiden durch die klare, kalte Polarnacht.
Sie erzählten sich auf dem Weg viele Geschichten, Fritz von der Luft und von den Vögeln, und daß die Schneewürmer dieses Jahr nicht so saftig und dick waren wie früher.
Kuno erzählte von seinen Freunden im Dorf, von ihren gemeinsamen Fischzügen, daß er die Sonne noch nie hatte fangen können und auch von seiner Schwermut.
Fritz hörte seinem pelzigen Freund gut zu und sagte nur wenig, denn besonders viel von dem, was Kuno erzählte, kannte er nicht. Fritz war noch nie im Schnee ausgerutscht, jagte keine Fische oder die Sonne, er flog lieber von einem Eisberg zum nächsten oder ließ sich in Windböen über dem Nordpol treiben.
Das wiederum kannte Kuno nicht, und so hatten die beiden viele Geschichten, die sie sich erzählen konnten, und ihnen wurde auf ihrer Reise nicht langweilig.
Als Kuno wieder einmal von der Sonne anfing, und daß er Angst hätte, daß sie nun auf ewig in Splittern am Himmel bliebe und mit ihr die Dunkelheit, dachte Fritz nach, denn er war schon weit gereist und hatte schon viele Geschichten von anderen Tieren gehört, und er erinnerte sich an die Erzählungen.
"Ich glaube, es gibt noch andere Pole. Nicht nur den Nordpol, auch einen Südpol, einen Ostpol und einen Westpol, und ich glaube, daß die Sonne auch dort verschwindet und wieder auftaucht, das ist so ein Spiel, das die Sonne spielt, schließlich hat sie auch den ganzen Tag über nichts anderes zu tun, als zu scheinen und zu strahlen."
Kuno war verwirrt und müde. So müde. Seine Muskeln waren schwer, seine Augenlider fielen ihm beim Laufen zu, und Hunger hatte er, er hätte einen ganzen, riesigen Fisch essen können, und dann noch einen und noch einen.
Doch Fritz’ Erzählung ließ ihn hellhörig werden.
"Meinst du etwa, die Sonne ist gar nicht auf die Erde gefallen, meinst du etwa, die Sonne ist nicht in Scherben am Himmel ? Und warum wird sie dann immer, wenn ich so müde werde, rot und wärmt nicht mehr ?“
Sein Freund Fritz flog ihm voran, er hatte die Fragen von Kuno nicht gehört, denn in diesem Moment hatte er von oben etwas entdeckt, und jetzt kam er ganz aufgeregt angeflattert, setzte sich auf Kunos Schulter und schnatterte ihm in sein weißes Bärenohr :
"Ich habe Dein Dorf entdeckt ! Es ist direkt hinter diesem Hügel da vorne, ich bin mir ganz sicher, es muß Dein Dorf sein. Los, beeil dich, ich bin so neugierig darauf, Deine Freunde kennenzulernen."
Kuno fing jetzt an zu laufen, er vergaß die Müdigkeit und den Hunger und seine Frage. Er war so aufgeregt, er würde endlich wieder in seinem Dorf sein, er könnte schlafen in seiner Höhle, dort gab es die Vorratskammer und Wärme, und seine Freunde waren alle dort.
Auch Fritz war ganz aufgeregt, er flatterte in der Luft über Kuno herum und trällerte ein Freudenlied.
Und wirklich, hinter dem Hügel lag das Eisbärendorf, alles war unverändert, und Kuno brauchte nun auch kein Licht mehr, um zu wissen, wohin er seine Schritte lenken mußte. Er fühlte, daß er auf dem richtigen Weg war, seine aufregende Reise war zu Ende, und er könnte endlich schlafen. Und vielleicht wäre, wenn er aufwachte, die Sonne auch wieder da.
Er kroch mit letzter Kraft in seine Höhle, warm war es darin und gut roch es, nach Eisbären und Fisch und nach Geborgenheit.
Er war glücklich, alle Schwermut war verschwunden, er war wieder in seiner Heimat.
Kuno der Kühne kuschelte sich an seine Eisbärenfreunde und schlief sofort ein.
Fritz unterdessen freute sich, seinen Freund sicher nach Hause begleitet zu haben, und er flog einige Runden über dem Dorf, bevor auch er seinen Heimweg antrat.
Als Kuno aufwachte, war die Höhle leer, und helles Licht schien durch den Eingang. Verschlafen rieb er sich seine Augen, überlegte, ob er wirklich einen Schneefinken mit Namen Fritz getroffen hatte, dachte an seine Reise und an die hellen Scherben am Himmel, und dann stand er auf, räkelte sich und streckte seine Schnauze aus der Höhle.
Die Sonne schien vom Himmel, hell und gelb und strahlend, seine Freunde spielten draußen herum, und einer hatte ihm einen Fisch gefangen, denn die Vorratskammer war nach dem langen Schlaf leer, genau wie Kunos Magen.
Mit großem Appetit aß er den Fisch und machte sich selber auf den Weg, um an seinem Lieblingsplatz sein Jagdglück zu probieren.
Als er dort ankam, saß dort ein kleiner weißer Vogel.
"Kuno, mein Bärenfreund, erinnerst du dich an mich, ich bin Fritz. Jetzt sehen wir uns endlich auch, wie schön ich das finde."
Kuno stutzte, dann führte er einen Bärenfreudentanz auf und strahlte wie die Sonne über das ganze Gesicht.
Die beiden haben sich dann noch sehr lange unterhalten, Kuno stellte Fritz all seinen Eisbärenfreunden vor, und Fritz wurde ein gerne gesehener Gast im Dorf der Eisbären. Sie gaben ihm den Beinamen „Fritz der Wegfinder“ und Fritz trug diesen Namen mit großem Stolz.
Kuno und Fritz sind immer noch Freunde, und wenn jetzt wieder die Nacht am Nordpol hereinbricht, dann wird Kuno zwar immer noch etwas schwermütig, denn er liebt die Sonne immer noch mehr als die Dunkelheit. Doch er vertraut jetzt darauf, daß sie wieder scheint, wenn er wach wird.
So legt er sich nun gerne hin zum Schlafen, und Fritz der Wegfinder erzählt ihm dann noch Geschichten, die er ihm ins Ohr flüstert, immer leiser werdend, damit Kuno auch gut einschlafen kann. Wenn er eingeschlafen ist, dreht Fritz noch eine Runde über dem Dorf und kommt erst wieder, wenn die Sonne wieder aufgegangen ist. Dann feiern alle im Eisbärendorf ein riesiges Fest, und Fritz ist immer Ehrengast und bekommt von Kuno die schönsten Fischhappen zugesteckt.
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