Interview von Bill aus der ONE:
Der kleine Junge, der einmal im Fernsehen bei einer Casting-Show mitmachte, ist heute schon fast zum Mann geworden: er ist beinahe 1,80m groß, hat den Stimmbruch hinter sich, und Wir eist innerhalb eines Jahres extrem schnell gereift. Ansonsten ist er aber immer noch der gleiche: jemand, der leidenschaftlich gerne auf der Bühne steht und mit seiner Band das Publikum zum Rocken bringt. An dieser Stelle Bills wichtigste Aussagen der letzten zehn Monate, angefangen bei Devilish bis zum neuen Album.
Wie beurteilst du im Nachhinein eure Anfänge als Devilish? Ihr habt ja damals schon Songs geschrieben und live gespielt.
Bill - Die Songs waren teilweise echt schlecht! *lacht* Wenn man sich das heute anhört, erkennt man uns kaum wieder. Neulich hat mir mein Vater ein Video von einem unserer ersten Auftritte gezeigt: Sehr lustig, wie schüchtern wir da noch waren. Peinlich ist mir das trotzdem nicht. Jeder fängt mal an.
Jetzt scheinst du dich auf der Bühne aber überaus wohl zu fühlen. Wie hast du das geschafft?
Bill - Das kam so nach und nach. Bei den ersten Konzerten war ich nicht so mutig, da fühlte ich mich von den Massen total erdrückt. Aber wenn man da oben steht, kommt so viel Energie von dem Publikum rüber, dass man totale Lust bekommt, etwas damit zu machen. Es kommt halt so wie es kommt, irgendwie.
Spielt ihr immer live?
Bill - Wir spielen immer live.
Hast du schon mal Gesangsunterricht genommen?
Bill - Ich hatte noch nie Gesangsstunden. Das ist ein Problem, denn auf Tour wird die Stimme sehr stark strapaziert. Sänger, die keinen Gesangsunterricht haben, singen mit viel Druck. Ich mache das auch so. Dadurch wird man schneller heiser.
Hast du Vorbilder in der Musikbranche?
Bill - Nena höre ich, seit ich sechs bin. Greenday und Three Doors Down sind cool, Placebo auch. Aber ich muss sagen, ich lasse mich relativ wenig von anderen Leuten beeinflussen. Bei mir ist es so, dass ich ganz viele Sachen total cool finde und gerne höre. Aber wenn es um Musik und Style geht, lasse ich mich wenig beeinflussen, das war schon immer so. Wir haben uns nie jemanden zum Vorbild genommen und gesagt: "So etwas ähnliches wollen wir machen" oder "so ähnlich wollen wir aussehen", sondern das ist einfach alles sponatn entstanden.
Wie läuft es mit eurer Plattenfirma? Habt ihr in Punkto Kreativität genug Freiraum?
Bill - Wir haben schon immer gesagt, dass wir nur unseren eigenen Scheiß machen wollen. Und so ist das auch. Wir arbeiten an den Songs mit. Jeder steuert etwas bei, mal fällt einem eine gute Strophe ein, dem anderen ein Refrain. Wichtig für uns ist, dass wir das sind. Wenn man sich da die ganze Zeit verstellen müsste und auf der Bühne steht für Sachen, hinter denen man nicht steht und die man nicht tragen kann, weil man nicht daran mitgearbeitet hat...Also....wenn ich einen Song hingelegt bekäme und den einfach so spielen sollte, dann könnte ich nicht dahinter stehen. Da könnte ich nicht da stehen, den performen und dabei auch noch etwas fühlen.
Woher kommt die Inspiration für eure Texte?
Bill - Wir wollen Texte haben, die etwas bedeuten. Bei amerikanischen Sachen hta man oftmals Texte, die keinen Sinn ergeben. Es ist uns wichtig, dass wir Probleme und Situationen aufgreifen, die uns nahe gehen. Damit können sich viele Jugendliche identifizieren, weil sie das auch schon teilweise erlebt haben oder genauso fühlen. Wir lassen uns auch von unserem Umfeld inspirieren.
Wie sind die Aufnahmen für das "Schrei" - Album gelaufen? Du warst noch recht jung, alles war ganz neu für dich. Hat es trotzdem gut geklappt?
Bill - Im Aufnahmesaal haben wir herumprobiert, wie sich die Instrumente in den Songs am besten anhören. Ich habe dazu ins Mikrofon gesungen, damit die Musiker ein Gefühl für die Songs bekommen. Als Schlagzeug und Gitarren aufgenommen waren, habe ich in der Gesangskabine über Kopfhörer die Musik gehört und dazu meine Texte gesungen. Dazu habe ich ewig gebraucht. Allein einen Song einzusingen, dauerte manchmal einen ganzen Tag. Ich musste mich ständig wiederholen, wenn ich einen Ton mal nicht getroffen hatte. Teilweise habe ich auch den Chor selbst gesungen.
Wie war deine Reaktion, als eure erste Single den ersten Platz der Charts belegte?
Bill - Als uns die Chart-Prognose einen der ersten drei Plätze voraussagte, haben wir fast geheult. Uns wurden so viele Steine in den Weg gelegt, weil wir so jungsind. Für jeden Vertrag mussten wir zum Vormundsschaftsgericht, alles sollte doppelt und dreifach geprüft werden, jedermann wollte uns reinreden, immer wieder kam etwas dazwischen. Schon als endlich die Single herauskam, waren wir unglaublich glücklich!
Die Medien - Zeitschriften, Radio- sowie Fernsehsender- reißen sich regelrecht um euch. Und das nicht nur in Deutschland, sondern jetzt auch im Ausland. Ist das nicht total anstrengend?
Bill - Wir arbeiten hart für den Erfolg. Jeder denkt, als Star bekommt man alles in den Arsch geschoben. Das stimmt überhaupt nicht! Es ist viel stressiger, als ich es mir vorgstellt hatte, aber es macht Spaß! Wir sind total glücklich, dass wir so etwas in unserem Alter erleben dürfen.
Ihr verdient jetzt auch euer eigenes geld.
Bill - Ja, aber reich sind wir nicht. Wir haben bis heute noch nicht besonders viel Geld gekriegt. Damit haben wir uns erstmal neue Instrumente gekauft.
Habt ihr nie daran gedacht, aufzuhören oder eine kleine Pause einzulegen, um euch zu erholen und alles zu verdauen?
Bill - Sicher gibt es Tage, an denen man einfach nicht gut drauf ist. Aber die Tatsache, dass man machen kann, was man liebt, ist wirklich unglaublich. Und das Gefühl zu haben, vor 15000 Menschen zu rocken, das ist der Wahnsinn. Ich liebe das einfach. Musik ist mein Leben! Sollte uns aber irgendwann danach sein, werden wir einfach wieder im Keller spielen.
Habt ihr keine Angst vor den Horden kreischender Fans, die überall hinter euch her sind?
Bill - Wenn wir unterwegs sind und unsere Fans überall hinkommen, egal wo wir auftauchen, dann gibt das uns Energie. Es ist nicht so, dass uns das Angst macht.
Aber findet ihr nicht, dass manche Fans zu weit gehen? Zum Beispiel die, die bei euren Eltern mitten in der Nacht klingeln und nach euch fragen?
Bill - Also generell wollen wir natürlich nicht, dass Fans irgendwelchen Ärger machen. Es ist schon doof, wenn sie zu Hause auf uns warten. Eine weitere Grenze muss bei Gewalt unter Fans gezogen werden oder auch dann, wenn sich Fans zweier Acts bekriegen. Fans sollten sich grundsätzlich untereinander respektieren.
Es kommt vor, dass sich Leute im Internet oder am Telefon für euch ausgeben....
Bill - Wir persönlich finden das Scheiße, weil unsere Fans da total verarscht werden. Es wird immer wieder an uns herangetragen, dass es Telefonate gibt, in denen sich jemand für uns ausgibt. Oder Chats. Das ist totaler Schwachsinn. Im Internet sind wir so gut wie gar nicht unterwegs. Auch Handynummern geben wir nicht raus. Das ist Verarsche!
1994 hast du mit Tom beim Fernsehfilm "Verrückt nach dir" eine kleine Szene gedreht. Erinnerst du dich noch daran?
Bill - Ja klar, sehr gut sogar. Wir sollten diese Szene drehen und haben dann diese Frau (Schauspielerin, Anm. d. Red.) gesehen und wollten nicht mehr drehen, weil wir sie so hässlich fanden. Und Tom hat sie dann ins Klo eingesperrt und den Schlüssel weg geschmissen *lacht*
Hast du das Gefühl, dass du durch den Erfolg eine andere Person geworden bist? Oder bist du immer noch der alte Bill?
Bill - Ich bleibe ich: ehrgeizig und faul, lustig und ein bisschen egoistisch. Unsere Mutter würde es mir sofort sagen, wenn ich mich verändern würde. Wir versuchen, uns so zu geben, wie wir sind und uns nicht groß zu verstellen.
Was ist das Wichtigste, was dir deine Mutter beigebracht hat?
Bill - Meine Mutter hat uns beigebracht, für alles offen und zugänglich zu sein.
Habt ihr überhaupt noch Zeit für Privatleben und Liebe?
Bill - Du kannst bei uns ja Job und Privatleben schwer trennen. Das Ganze, was wir gerade erleben, gehört zu unserem Job und ist unser neues Leben. Das vermischt sich total. Und was die Liebe betrifft: In unserer momentanen Situation wäre es einfach falsch, eine Beziehung einzugehen.
Was ist, wenn einer von euch sich doch verliebt? Würdet ihr das verheimlichen?
Bill - Wenn einer sich verliebt, dann kann man das halt nicht ändern. Keiner kann planen, ob er sich verliebt- oder nicht. So etwas ist nicht voraussehbar. Wir würden niemals verheimlichen, eine Freundin zu haben. Da kann man die Fans einfach nicht belügen. Und ich glaube, sie würden es akzeptieren. Also die wahren Fans würden es auch bleiben.
Wie alt warst du bei deinem ersten Kuss?
Bill - Da war ich 10. Das hat sich ekelhaft angefühlt. Tom hat dem Mädchen übrigens auch seinen ersten Kuss gegeben. Wir haben uns oft in dieselbe verliebt, wir stehen beide auf sehr spontane Mädchen. Mit elf hatte ich meine erste feste Beziehung.
Du hast bestimmt schon viele Freundinnen gehabt?
Bill - Nee gar nicht, ich hatte nur vier oder fünf Beziehungen. Und ich stehe nicht auf One-Night-Stands, so was hatte ich noch nie. Sex ohne Liebe ist kein guter Sex, da bin ich romantisch.
Hast du bereits Drogen ausprobiert?
Bill - Ich trinke schon ab und zu Alkohol, aber illegale Drogen habe ich nie probiert. Ich bin total dagegen.
Sagst du immer die Wahrheit?
Bill - Ich lüge oft. Ich kann richtig gut lügen, das merkt man mir nicht an.
Wie sieht die Zukunft aus? Glaubst du, dass Tokio Hotel in sechs Monate immer noch Erfolg haben wir?
Bill - Wir rechnen alle damit, dass nicht alle Singles auf Platz eins gehen, irgendwann geht´s nicht weiter. Es wird Zeiten geben, in denen wir nicht so viele Cd´s verkaufen und keine Awards kriegen werden, aber das gehört dazu. Jede Firma, in der man arbeitet, macht mal schlechte Zeiten durch und das gleichegilt auch für eine Band. Aber unser neues Album kommt, das Datum steht noch nicht fest, Ende 2006 oder Anfang 2007. Wir sind gerade dabei, neue Songs dafür auszusuchen. Also noch ganz frisch alles.
Hast du eine Botschaft an eure Fans?
Bill - Danke für die unglaubliche Unterstützung, ihr seid fantastisch. Ohne euch wären wir nichts. Wir lieben euch!