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Gefangen. Gefangen in einem System. Einem System, dass mich festhält, mich einschließt, mich so oft zu erdrücken scheint. Ein System aus dem ich ausbrechen will, irgendwie, aber nicht kann. Wie eine leere Hülle fühle ich mich, die einfach das macht, was Regeln und irgendwelche Menschen ihr vorschreiben.
Immerzu wird man in diesem System, in dem wir alle uns befinden, bewertet, geprüft. Andauernd muss man seine Leistungen unter Beweis stellen. Es ist wie ein Spiel, kein faires Spiel. So viel wird von einem erwartet und ich glaube, dass man kämpfen muss, um es überhaupt zu schaffen oder vielleicht auch einfach nur rießen Glück besitzen muss. Eins von Beidem, denn sonst ist man in dieser Welt, in diesem System der "Loser", der "Freak" und die muss es geben, denn ohne sie würde das Alles wohl nicht funktionieren. Versteht ihr was ich meine? Anders zu sein oder etwas nicht zu schaffen, zu schlecht zu sein, bedeutet in den meisten Fällen, dass man sofort herabgestuft wird. Vorurteile... es geht nicht um den Menschen, sondern um die Leistungen, die er erbringt. Man lebt in diesem System, das einem nicht die geringste Chance gibt, auszubrechen und man versucht nun natürlich verständlicherweise dazuzugehören, nicht der "Freak" zu sein, der nicht das ist, oder das schafft, was man von ihm erwartet.
Ich bin dieser "Freak", eigentlich und war es wohl auch schon immer. Das dicke Mädchen in der Klasse. Das schüchterne Mädchen, das nicht so war wie die anderen und auf das man herab gucken konnte. Sie hatten durch mich Jemanden, der noch schlechter in dieses System gepasst hat, als sie selber. Ich verstehe es sogar, dass sie mir das Jahre lang durch ihre Aktion so deutlich gemacht haben, dass die Tatsache, dass ich falsch bin bis heute noch so in mir verankert ist. Sie suchen sich Menschen, neben denen sie größer erscheinen, besser. Als ich so abgenommen habe, da klang das Wort "magersüchtig" schon wie ein Schimpfwort. Mein Gewichtsverlust war so extrem, dass ich auch dadurch mehr als aufgefallen bin und wieder die war, die noch falscher, noch weniger in dieses System passte, in dem man ja dünn, aber nicht magersüchtig sein darf. Als ich dann jedoch wieder zugenommen habe muss ich sagen, da haben sie sich mehr drüber gefreut, was auch verständlich ist, denn kann man sich besser über ein dünnes Mädchen, das in kürzester Zeit ein Haufen an Kilos zunimmt lustig machen als über ein dickes Mädchen, dass sich in kürzester Zeit total abhungert. Als sie die ersten Schnitte auf meine Unterarm bemerkten war es nur ein weiterer Grund, der mich in den Mittelpunkt der Gespräche platzierte. Es ging ihnen nicht um mich, sondern um das, was mich so falsch machte und was das Falsche an ihnen weit in den Hintergrund rückte. Und wieder kam das Abnehmen. Das extreme Abnehmen. In dem halben Jahr waren es jetzt bestimmt fünfzehn Kilo. Ich spüre fast ihre Wut darüber, ihre Wut, dass sie nicht mehr das dicke Mädchen haben, das einst so dünn war. Nein, jetzt haben sie wieder die Dünne vor sich, die zwar falsch ist, aber ansehnlich. Doch lassen sie es mich spüren, dass ich nicht rein passe. Nein, ich bin falsch, in Allem. Ich habe es mal versucht, lange versucht "richtig" zu sein, doch habe ich es letztendlich doch nie wirklich geschafft. Ich will es auch gar nicht mehr schaffen, diesem System zu folgen. Ja, ich will ausbrechen, doch kann ich nicht. Ich bin nur müde, so unglaublich müde. Ich will weglaufen, davonfliegen, mich nicht mehr bewerten lassen. Ich will frei sein, frei sein von Allem. Und was bringt es auch schon diesem System weiterzufolgen... ich würde mein Abi machen, studieren, mit Glück irgendeinen Job haben, der mich halbwegs interessieren würde, vielleicht heiraten. Theoretisch wäre ich dann auch wirklich glücklich. Zumindest eine Zeit lang. Doch würde es anders werden, vielleicht nicht so extrem wie bei meinen Eltern, doch würde der Alltag einkehren. Für was lebt man? Um zu sterben? Irgendwann einmal... oder um für andere da zu sein...
Vielleicht ist das, was ich gerade mache, dieses Extreme, für mich der einzige Weg um wirklich ausbrechen zu können. Um zumindest ein bisschen frei zu sein. Ich weiß, dass ich nicht alt werde, wenn ich so weitermache, doch bewegt mich das überhaupt nicht. Es ist wohl einfach auch irgendwie richtig, dass ich so bin, dass ich nicht normal oder richtig sein kann, denn wie schon gesagt: In dieser Welt, in diesem System muss es die geben, auf die die "Richtigen" mit dem Finger zeigen können, weil sie "falsch" sind.

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