Sie rannte hinaus in die kalte Nacht, welche sich schwarz über ihre Welt legte und schützend die Hand über ihr Haupt hielt. Sie setzte einen Fuß vor den anderen, begleitet von den dunklen Schatten des Waldes, dessen langgliedrige Fingerspitzen an ihren Kleidern zogen und drohten sie ihr vom Leib zu reißen, würde sie sich nicht ihrer eisigen Umarmung hingeben.
Sie spürte den Atem der Gefahr in ihrem Nacken, den Atem des Todes, der ihr nach langen Qualen den Tod bereiten würde, bliebe sie nicht bald stehen. Doch sie konnte nicht, konnte ihre Beine nicht zum Anhalten zwingen und sie wusste, sie wollte auch nicht stehen, wollte nicht beginnen zu spüren. Sie konnte nichts spüren. Dornen entstellten ihre Oberarme, ihre bloßen Füße, bedeckten sie mit tiefen Schnitten, ließen ihr Blut heiß an ihren Gliedmaßen hinabfließen, wollten ihren Schmerz sichtbar machen.
Celia wusste um ihre Wunden, wusste es schon lange, doch sie fühlte sie nicht. Ihr Körper diente lediglich dem visuellen Ausdruck ihrer Schmerzen, doch fühlen konnte sie ihn seit jeher nur mit dem Herzen, dem Zentrum ihrer Seele. Der kalte Nachtwind umspielte ihre zarte Figur, zerrte an ihren Haaren und blies ihr Teile des Waldes ins Gesicht, als wollte er sie zum Anhalten zwingen, mit allem Mitteln.
Plötzlich griff eine eisige Hand nach ihrer nackten Schulter, zwang sie ruckartig stehen zu bleiben. Vor Anstrengung und Angst am ganzen Leib zitternd drehte sie sich um und starrte in Augen, blau wie heiße Flammen. In ihnen loderte es, Funken stoben, es war etwas Gefährliches, dennoch Vertrautes in ihnen. Celia konnte den Blick nicht von diesem Gesicht nehmen, bis der Mond einen harten Schatten darüber legte und es zu einer furchteinflößenden Grimasse erstarren ließ.
Angst überwog nun die Neugier und erneut drängte sich ein Gedanke in den Vordergrund: Flucht. Und abermals begann sie zu rennen, sie drehte sich so schnell sie konnte um und wollte sich von den Fesseln dieses Ortes befreien, wollte ihnen entkommen, in vergessen, hinter sich lassen. Doch bevor sie auch nur einen Schritt tun konnte, wurde sie grob an den Schultern gepackt und herum gerissen.
Hart schlug sie mit dem Hinterkopf auf dem Boden auf. Ihre Augen quollen vor Überraschung und Furcht aus den Höhlen, ihr Atem ging rasselnd und unregelmäßig, ehe das Bild der kahlen Baumkronen über ihr verschwamm und schwarz wurde. „Wovor fliehst du, hübsches Mädchen?“, flüsterte die Nacht
Die Kälte kroch ihr in die Glieder, lähmte ihren Körper und ihre Gedanken, stoppten jedes Gefühl, hielten den Lauf der Zeit in ihrem Leben an. Ihr Atem ging langsamer, ruhiger, von Sekunde zu Sekunde fühlte sie weniger, ihr Körper war schwer, sie wollte sich von ihm befreien. Wollte frei sein nach all den Jahren dieser Schwere, die sie jede Nacht in die feuchten Gassen trieb.
Celia schlug die Augen auf. Das grelle Neonlicht über ihr brannte ihr in den Augen, sodass sie sie heftig zusammenkniff. Vor ihren geschlossenen Lidern zuckten Blitze über ihre Netzhaut, die in ihren Augen schmerzten, immer und immer wieder musste sie das Echo der ungewohnten Helligkeit ertragen, bis die Dunkelheit überwog und das Licht schwächer wurde.
Langsam öffnete sie die Augen wieder und diesmal ließ sie ihnen Zeit, sich an das beinahe aggressiv helle Licht zu gewöhnen. Die Decke über ihr war weiß. Es war ein kaltes, abstoßendes Weiß, das in ihr den Drang weckte, es durch irgendetwas zu stören, es war zu perfekt. Kein Fleck zierte die Fläche über ihr. Kein Insekt krabbelte an den Wänden. Egal, wie lange sie diese Decke anstarre, sie konnte nichts entdecken, das ihr Weiß störte.
Ein stechender Schmerz durchfuhr sie, als sie stöhnend ihren Oberkörper aufrichtete. Celia unterdrückte einen Aufschrei, der plötzliche Schmerz schnitt Furchen in ihr Puppengesicht und ihre Hand schnellte an ihren Hinterkopf. Was ist bloß geschehen?, frage sie sich. Wo bin ich?
Skeptisch schaute sie sich im Raum um. Abgesehen von dem schmalen Stahlbett, auf dem sie saß, befanden sich keine weiteren Möbelstücke in dem Zimmer. Verwirrt runzelte sie die Stirn. Es gab auch keine Fenster, der Boden war noch roher Beton und es gab genau eine Neonlampe, die den quadratischen Raum mit Licht erfüllte. Sie saß in der Mitte des Bettes, welches die Mitte des Raumes kennzeichnete.
Plötzlich spürte sie einen Blick in ihrem Rücken. Ein stechender, bohrender, klarer Blick in ihrem Rücken, der ihre Seele auszog und ihren Körper lähmte. Die Angst kroch ihre Glieder hoch, griff nach ihrem Herzen und hüllte es mit seinem ekelhaften, beißenden Atem ein, vergiftete es, tränkte es mit der Furch vor dem Unbekannten, das hinter ihrem Rücken lauerte.
Celia hatte das Gefühl zu ersticken, sie wollte sich befreien, wollte die Angst aus ihren Gliedern vertreiben, sie wollte schreien, stark sein. Doch der folternde Blick auf ihren Nacken ließ sie nicht los, peinigte sie weiter, hielt sie gefangen in einem Käfig, dessen Gitterstäbe aus Angst waren.
„Was hast du, hübsches Mädchen? Lass mich doch dein Gesicht sehen, ich will in deine wunderschönen Augen blicken und ein zweites Mal mich selbst in ihnen erkennen. Wovor hast du Angst, mein Mädchen? Ich tu dir nicht weh, das könnte ich doch niemals. Das weißt du. Dreh dich um, Kindchen...“
Tränen rollten über ihre Wangen, ein nicht enden wollender Strom aus Tränen, der versuchte ihre Hilflosigkeit und Verzweiflung auszudrucken, floss ihr Gesicht hinab, als sie langsam ihren Kopf zu drehte. Die Bewegung schmerzte zusätzlich, da sie nicht wollte, sie wollte ihn nicht sehen, wollte nicht in diese harten, eiskalten Raubtieraugen sehen. Nie wieder wollte sie das. Sie presste ihre Augen fest zu.
Sanft strich er Celia die Tränen aus dem Gesicht, streichelte ihre Wange, ihre Lippen, ihren Hals... Jede seiner Berührungen fühle sich an, als ob er sie schlagen würde.
„Mach doch die Augen auf, du weißt, wie schön ich sie finde...“
Sie riss die Augen auf, wollte schreien, doch ihr Schrei blieb in ihrer Kehle stecken, als sie in seine Augen sah. Ihr Feuer ergriff Celias Herz, erwärmte es, nahm ihr die Angst und ließ sie in seinen von ihr verhassten Armen einschlafen.
Sie ließ sich mitreißen, ließ sich tragen von ihrem leichten Lachen, von ihrer Fröhlichkeit. Sie lachte mit dieser Ehrlichkeit, mit dieser ungezwungenen Schönheit. Sie genoss es, ihre Hand zu spüren, wie sie ganz fest ihre eigene hielt, so als wollte sie sie nie verlieren. Beinahe so, als wäre diese Berührung ein Band zwischen ihren Herzen, ihren Seelen und nicht die bloße Verbindung zwischen zwei einzelnen Körpern. Ihr Händedruck fühlte sich an, wie ein Versprechen. Ein Versprechen, nie loszulassen, egal wie tief der Fall auch sein mag.
„Wo laufen wir denn hin?“
Ihre Stimme klang fröhlich. Neugierig. Und irgendwie glücklich. Die warme Morgensonne über ihnen ließ das saftige Hellgrün der jungen Buchenblätter noch kräftiger leuchten, rund um sie herum zwitscherten die Vögel und trockene Äste zerbrachen unter ihren weiten Schritten. Sie liefen schnell, sie liefen so schnell. Doch an ihrer Seite hatte Celia das erste Mal das Gefühl, nicht verfolgt zu werden. Ihr Herz hüpfte, sie fühlte sich frei.
„Das sag ich dir nicht!“
Dieses Lachen brachte sie beinahe um den Verstand, dieses neckende Lachen. Es hörte sich an, als würden die tausend Schmetterlinge, die in ihrem Bauch flatterten, zugleich singen. Erfüllt von Sonne, erfüllt von Ehrlichkeit und Mut war dieses Lachen. Es war noch immer dasselbe Lachen, in das sie sich verliebt hatte, damals vor so langer Zeit. Vor so vielen Kämpfen. Doch die Vergangenheit ruhte, als sie den Druck auf ihrer Hand spürte.
Taja wurde langsamer, bis sie schließlich ganz stehen blieb. Langsam drehte sie sich um. Ein zartes Lächeln zierte ihre Lippen, ihre wunderschön geformten Lippen. Der Wind umspielte ihre langen schwarzen Haare, wehte sie ihr sanft ins Gesicht, bedeckte ihre Wange mit dem seidig glänzenden Haar, dessen Duft sie so liebte. Celias Blick traf Tajas, sie konnte durch diese treuen, bestimmten, funkelnden blauen Augen bis in ihre Seele sehen und nichts als Liebe erkennen.
Sie standen sich gegenüber, konnten ihre Blicke nicht voneinander lassen. Sanft strich sie über Celias Wange. Der Himmel verfinsterte sich über ihren Zärtlichkeiten und Celia erwachte aus ihrer Trance.
„Du siehst süß aus, wenn du rot wirst.“
Celia blickte über Tajas Schulter und konnte ein mit Moos bewachsenes Fleckchen im Wald erkennen. Sie lief los und legte sich hin, während Taja stehen blieb und lächelte. Sie liebte dieses Mädchen, liebte einfach alles an ihr. Celia beobachtete, wie der Himmel grau wurde, wie die Welt von Sekunde zu Sekunde grauer und kälter wurde.
Ihr Kuss traf sie mitten ins Herz färbte ihre Welt bunt und impfte ihrer Seele die Wärme ein, nach der sie schon so lange gesucht hatte. Sie wurden eins, und sie wussten, sie würden eins bleiben, ganz gleich, was der Rest der Welt von ihnen hielt – sie hatten ihre Einsamkeit gefunden, nach all den Jahren.
Der erste Tropfen fiel auf sie herab. Es folgten viele weitere, schwere Tropfen, die ihre Kleidung durchnässten, ihren Körper erfrieren lassen wollten, doch sie spürten es nicht. Sie spürten bloß einander, die Wärme in ihrer Liebe.
Tränen verschleierten ihren Blick, als sie erwachte. Ihre Zunge fühlte sich schwrer an, ihr Kopf fühlte sich schwer an, plötzlich erschien ihr alles zu schwer, ihr Körper fühlte sich an wie ein lästiger Gegenstand, er gehörte nicht zu ihr. Er engte sie ein, hielt sie gefangen wie ein wildes Tier, das sich nicht mehr wehren konnte, weil es schon zu lange durch Metallverstrebungen in die Welt blickte.
„Hast du schön geträumt?“
Der Hass, der unendlich tiefe Hass, und sein schneidender Spott in seiner Stimme ließen sie zusammenfahren. Sie konnte nicht antworten, sie konnte noch nicht einmal atmen, ihr Herz schien zu Eis erstarrt zu sein, ihre Lungen brannten wie Feuer und ihr Puls pochte in ihrem Schädel. Heiße Tränen flossen ihre Wangen hinunter, doch sie zwang sich aufzuhören. Ihr Kopf drohte zu explodieren.
„Taja also..“
Sie wollte schreien, wollte so laut schreien, wie sie nur konnte. Sie wollte schreien, er solle ihren Engel in Ruhe lassen, wollte toben, ihre Hände um seinen Hals legen und fest zudrücken. Sie wollte sehen, wie er rot anläuft, Verzweiflung in seine verdammten Augen steigt und er panisch nach Luft schnappt, wie ein Fisch der elendig am Strand verreckt.
Doch kein Laut kam über ihre Lippen, nicht ein Finger krümmte sich. Sie blieb ganz ruhig auf diesem kalten Bett sitzen und starrte auf die leere Wand ihr gegenüber. Sie starrte zurück, mit tausend weißen Augen, tausend weißen Augen, die den puren Hass in ihrem Blick trugen und ihr tief in die Seele blickten.
Celia hielt sie nicht auf. Sie hatte nicht die Kraft zu kämpfen. Ihr Wille ließ nach, weißer Nebel umhüllte ihren Verstand und packte ihn in Watte. Nichts drang in ihre Gedanken ein, kein Gefühl, kein Geräusch, kein Bild, kein Geruch konnte zu ihr durchdringen. Absolute Leere umhüllte sie, weiße Leere, von der man nichts bemerkte, von der man kein Zeichen, keinen Grund für ihre Handlungen erkennen konnte.
Das Weiß griff mit klammen Händen nach ihrem Herzen, berührte es sanft mit seinen wattigen Fingerspitzen, umfasstes es, als wäre es kostbar, ein lang gesuchter Schatz. Es fühlte das Pochen, das ewig gleiche Pochen ihres Herzens, ein Pochen, das Celia nie als wichtig empfunden hatte. Und auch jetzt tat sie es nicht, sie konnte nicht. Sie empfand nichts, es wäre ihr egal, wenn das Weiß ihr Herz nehmen würde und für immer in sich tragen würde, um zu leben. Die Hand schloss sich fester um ihr Herz.
Etwas in ihr explodierte, Flammen züngelten durch ihren Körper, ein Schmerz durchfuhr sie und die Watte verglühte zu einem schwarzen Nichts, das ein Loch in ihrem Herzen hinterließ, welches sie immer daran erinnern würde zu fühlen.
Eine heiße Träne schlich sich lautlos über ihre Wange und brannte eine Narbe, rot wie Blut, in ihre blasse Haut. Ohne jegliches Geräusch fiel sie in Celias Schoß und verglühte dort. Sacht schloss sie die Augen, bemüht, keine weiteren Tränen zu vergießen, nicht noch mehr Blöße zu zeigen. Er sollte nicht sehen, wie schwach ihr Herz schlug und wie verschwindend gering der Mut in ihrem Herzen war.
Sie konnte den Wald hören. Spürte die Dunkelheit um sich herum, roch das Moos und den regenfeuchten, laubbedeckten Herbstboden. Unweit krächzte ein Uhu sein schauriges Lied und die Füchse schlichen durchs Unterholz. Das Mondlicht warf bizarre, furchteinflößende Schatten in den Wald. Doch sie hatte keine Angst. Denn sie konnte Tajas ruhigen Atem hören und ihre Hand in der eigenen fühlen.
Celia öffnete langsam ihre Augen, trennte sich von ihren Erinnerungen und stellte sich seinem Blick. Seine Pupillen waren kohlrabenschwarz, die Iris tiefblau, umrahmt von einem samtschwarzen Ring, der das eisige berechnende Blau hervorstechen ließ wie Dolche.
„Du liebst sie, nicht wahr?“
Sie sah ihr tief in die Augen. In die einzigen Augen, die ihm seit jeher ein Rätsel geblieben waren. Die einzigen Augen, in denen er blanke Angst und puren Schmerz erkennen konnte, ohne jeden Schimmer dessen, was Celia am Leben erhielt. Sie hatte ihn verändert, ihn an sich gebunden und ihm ein Rätsel zu lösen gegeben. Doch langsam ließ seine Beharrlichkeit in seiner Suche nach. Er wollte nicht mehr in ihre Augen sehen, wollte nicht erkennen, wie sie sich fühlte, Tag für Tag. Er konnte ihr Leid nicht länger teilen, ihm fehlte die Kraft.
Verwirrung trat in ihre Augen, als er zu Boden blickte und sich abwand. Verwirrung, Leichtigkeit, sie war frei. Für den Moment frei.
„Weißt du eigentlich, wie es ist, jede Nacht mit einem vernarbten Körper in eine Welt zu gehen, deren Trümmer dir bei jedem Schritt neue Narben zufügen? Weißt du, wie es ist, wenn dir jeder Mensch, der dir entgegen kommt, nachstarrt und dich bewertet? Ich weiß, wie es ist. Ich gehe jede Nach über Straßen voller ascheblinder Scherben, weil das kalte Feuer der Seelen, die diese Welt bevölkern alles niederbrennt, das ihnen im Weg steht. Und verdammt noch mal, manchmal glaube ich, ich bin der Einzige, den diese Feuer frösteln lassen. Ich habe Angst. Ich habe Angst davor, eines Tages von diesen Feuern verzehrt zu werden, ohne dass mein Herz je geschlagen hat. Verstehst du, es ist mein Schicksal, diese Flammen zu bekämpfen. Aber das interessiert niemanden. Ihr seht doch alle nur meine Augen, meine flammenden Augen. Und ihr urteilt, ihr meint, ich wäre schlecht. Dass die Flammen in mir euer Feuer ist, das seht ihr nicht. Ich dachte, du wärst anders. Ich dachte wirklich, du wärst anders.
Seine Augen verdunkelten sich und er wandte sich abermals ab Seine Armmuskulatur war bis aufs Letzte gespannt, seine Händeballten sich wie in Zeitlupe zur Faust. So stand Sarym da, den Kopf gesenkt, die Augen niedergeschlagen, die Arme neben dem Körper gespannt, mühsam beherrscht, nicht gegen die Wand zu schlagen. Celia saß fassungslos auf dem schmalen Stahlbett. Noch nie zuvor hatte sie ihn so erlebt. Wütend, ja. Aber nicht so.. Verletzt. Mit einem Mal erschien er ihr so einsam und in irgendeiner Art und Weise empfand sie Mitleid mit ihm. Sie beobachtete ihn, wie er dastand, eingefroren, ein Abbild seiner Hilflosigkeit, seiner Unfähigkeit, etwas zu tun. Die Zeit um sie herum schien still zu sehen und ihnen Raum zu lassen, Luft zu geben. Alles um Celia gefror, nur sie selbst strahlte in warmem Glanz. In ihr stiegen züngelnde Flammen auf, sie spürte, wie ihr Herz schlug und in ihr der Drang wach wurde, zu ihm zu gehen.
Er hatte etwas längeres, nachtschwarzes Haar, das sich im Nacken ein wenig lockte. Seine Haut war von Narben übersät, Narben, die von seiner Vergangenheit erzählten, von seinem Schicksal in die Haut geritzt. narben, die ihn für immer brandmarken und bestrafen sollten für all das, was er erlebt hatte. Und doch taten sie seiner Schönheit keinen Abbruch, im Gegenteil, sie ließen ihn noch stärker erscheinen. Sie zeugten von innerer Stärke. Und seine Narben faszinierten Celia. Sie kannte jede einzelne von ihnen, wahrscheinlich besser als sonst jemand. Doch wirklich sehen konnte sie sie erst in diesem Augenblick.
Celia war vertraut mit den Gefühlen, die sie ausfüllten, sie wusste, was sie bedeuteten, aber sie wollte nicht fühlen. Bis heute hatte schlichte Angst ihre Gedanken bei seinem Anblick beherrscht. Doch in jener Sekunde, in jenem Augenblick war ihr Herz erfüllt von Liebe. Sie wollte die Dunkelheit aus seinem Blick nehmen und den Flammen in seinem Inneren das Feuer. Und trotz der heftigen Welle, die voller Liebe und Sehnsucht nach ihm ihren Körper durchflutete, konnte sie nicht vergessen. Sie konnte nicht vergessen, wo sie war, konnte nicht die Kälte in seiner Stimme vergessen und konnte sich selbst nicht aufgeben. Sie konnte ihre Vergangenheit nicht vergessen.
Sarym blickte auf und starrte die Wand vor ihm an. In ihm schrien so viele Gedanken. Die Verzweiflung und die Wut schalteten seine Logik aus und trieben Hitze in sein Gesicht. Voller Hass starrte er diese Wand an, die ihn mit ihrem Weiß zu ersticken drohte. Schwarzer, drängender Hass erfüllte ihn und ließ ihn innerlich verbrennen. Seine Augen färbten sich schwarz und eine eisblaue Träne lief ihm über die Wange und gefror an seinem Kinn. Er schlug seinen Kopf gegen die Wand, sie sollten still sein, alle sollten ein für alle Mal still sein, es sollte aufhören, die Blicke, er wollte schreien, ihr Kuss versiegelte seine Lippen, vertraut, doch er gab ihnen nicht nach.
Wütend stieß er sie von sich, mit einer festen Ohrfeige und dem Abdruck seiner Hand auf ihrer Wange saß sie nun auf dem Boden. Die Knie dicht an ihren Körper gezogen und mit Tränen in ihren samtblauen Augen. Er konnte zusehen, wie Misstrauen und Angst ihren Blick verschleierten. Ihre Mundwinkel zitterten. Er wusste, sie würde bald weinen. Und abermals wegen ihm.
Seine weichen Lippen nahmen ihr die Angst und das Misstrauen wich der Erschöpfung. Sarym schloss sie sanft in seine Arme. „Es tut mir leid. Es tut mir unendlich leid...“
„Das bringt sie nicht zurück.“
Es war das erste Mal, dass er sie hatte sprechen hören. Ihre Stimme war zart, wie die eines Engels sie sein musste, doch so von Schmerz erfüllt, dass er mit einem Mal ihr Leid verstand. Er verstand den Schmerz in ihren Augen und wünschte sich nun doch, er stünde wieder vor einem Rätsel. Doch das Rätsel schien gelöst.
„Es tut mir leid, Sarym. Ich wollte dir all das ersparen. Doch du warst so... Und du hast mich trotzdem nie gebeten, auch nur ein Wort zu sagen. Du warst auch anders. Zumindest dachte ich, du wärst anders.“
Sie sah ihm direkt in die Augen und ließ sich von deren wohltuender Kälte einnehmen, gab ihr nach und blickte ihn unverwandt an. In ihrem Blick lag die Müdigkeit, auf die man nur in den Augen alter Menschen treffen sollte, die mit ihrem Leben abgeschlossen hatten. In ihren Augen lag so viel Schwäche, Abgeklärtheit und auch ein wenig Enttäuschung. Es war ein Blick, der ihn mitten in sein nicht-vorhandenes Herz traf. Ein Blick, dem er zum ersten Mal erlebte, ein Blick, der Sehnsucht in ihm weckte und ihn seine Narben vergessen ließ.
„Celia? Darf ich dir eine Frage stellen?“
Langsam und behutsam löste sie sich aus seiner Umarmung, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen. Sie wollte gar nicht reden, sie hatte es noch nie gewollt, ihre Worte blieben ja doch ungehört. Es spielte schon lange keine Rolle mehr, ob sie sie aussprach oder nicht. Sie war sich nicht sicher, ob es je eine Rolle gespielt hatte.
Er deute ihr Schweigen als Ja. „Wo ist Taja jetzt?“
Ihr Blick glitt in die Ferne und Leere hüllte sie ein.