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Ja   nein   

Er wandelte auf den Pfaden der Dunkelheit, Nacht für Nacht. Die Unruhe in seinem Herzen trieb ihn auf die Straße, ließ ihm den Gestank von Müll in die Nase steigen und zur Gewohnheit werden. Er wusste nicht, wohin er gehörte, er hatte es noch nie gewusst. Jede Nacht dieselben dunklen Gassen, in derselben schwarzen Kluft, die ihn mit den Wänden neben ihm und den dunklen Schatten der Nacht vor ihm eins werden ließen. Er hinterließ nie Spuren. Keiner sah ihn, keiner dachte an ihn. Denn man hatte ihn vergessen. Vergessen, da er vergessen hatte müssen.
Sein Block schweifte an den verdreckten Wänden der Innenstadt hoch zum pechschwarzen Nachthimmel. Er betrachtete die Vielzahl der Sterbe, die dem sichelförmigen Mond dabei halfen die Nacht zu erhellen. Wie er versuchten die Sterne etwas zu erreichen, das zu schwierig für sie war, das außerhalb ihrer Macht stand. Niemals würden sie die Nacht erhellen, niemals würde er sein Herz zum Schlagen bringen. Er spürte die Verbitterung, spürte den Hass und das Bedauern in sich, doch kein Laut kam über seine Lippen, als er seinen Blick wütend zu Boden senkte und weiterging.
Die Ratten zu seinen Füßen huschten über die müllbedeckten Straßen um in den Abfällen ihren Hunger zu stillen. Er bemerkte sie kaum, er sah sie nicht an, hörte sie nicht. Dennoch wusste er, dass sie da waren. Sie waren jede Nacht in diesen Straßen, die jeder fürchtete, Straßen, die die Menschen beunruhigten, auf deren Pflaster sie nicht einen Fuß setzen wollten.
Doch er betrat diese Straßen, wandelte auf ihren Pfaden. Nacht für Nacht umschloss ihn der schwarze Samtvorhang der Dunkelheit. Jede Nacht legte sich ein eiskalter Hauch um ihn, der ihn vergessen ließ, dass sein Herz still stand. Doch er vergaß nie den Grund für sein einstiges Pochen.



Ihre Lungen brannten, doch sie lief trotzdem weiter, sie rannte und rannte und rannte, sie konnte nicht bremsen, sie konnte nicht, nicht nach ihrem bisherigen Weg. Sie konnte nicht einfach Stop sagen und  Pause machen, sie musste laufen. Es war ein innerer Zwang, der sie fast erstickte und ihre Lungen in Flammen setzte. Und sie lief und lief und lief immer weiter, sie bekam keine Luft, sie rannte noch immer, immer schneller doch ohne ein Ziel.
Anfangs hatte sie ihr Ziel noch gesehen, sie hatte gewusst, ob sie anhalten und verschnaufen konnte, doch heute, heute rannte sie nur noch. Sie achtetet nicht darauf, wohin sie lief, woher sie kam und ob sie je ankommen würde. Sie lief einfach. Sie rannte und rannte, floh beinahe, doch sie hatte vergessen, wovor sie floh. Sie lief mit den Schatten der zerstörten Landschaft, die sie umgab. Unter jedem ihrer Schritte wirbelte sie die Asche der Vergangenheit auf, wurde von kahlen Ästen in die falsche Richtung gezerrt und ließ sich von Dornenranken die Haut aufschlitzen.
Diese Fragen in ihrem Kopf. Sie hämmern unaufhörlich gegen ihren Schädel. Dieser Schmerz auf ihrer Haut, die Erwartungen, die andere an sie stellten. Wofür kämpfen? Welchen Sinn hatte ein Kampf? Jeder einzelne Gedanke riss ihr ein Stück ihres Herzens aus der Brust, verformte es und flickte die Teile wieder zusammen. Die Wunden, sie schmerzten, ließen ihre stummen Schreie frei und gaben ihr die Gewissheit, noch zu leben. Doch der Anblick einer jeden einzelnen Narbe ließ sie wieder verstummen. Doch sie gewöhnte sich an den Schmerz, er wurde Alltag. Sie war es gewohnt, auf die Fresse zu fallen und wieder aufzustehen, sie war es gewohnt, alles zu schaffen. Es war ihr egal, dass sie blutete, dass ihr das Blut aus dem Herzen floss, denn irgendwann war es normal für sie geworden.
Nur heute, dieses eine Mal war alles anders. Die peitschenden Äste schmerzten auf ihren Wangen, die Dornen bohrten sich tief in ihr Fleisch und ihre Lunge stand in lodernden Flammen, denn sie fühlte. Und diesmal trieb ihr der Schmerz Tränen in die Augen, und als sie fiel, stand sie nicht wieder auf. Sie weinte und weinte, all die Tränen für die sie keine Zeit hatte. Sie flossen nun und befreiten sich von den Fesseln der Zeit.



Der dreckige Betonboden unter ihm war eiskalt. In der Luft der alten Fabrikshalle lagen die Staubteilchen der letzten Jahrzehnte. An den Wänden klebte der Dreck von sämtlichen Generationen,  die hier ihre Stunden verbrachten. Ihre Anwesenheit war fast greifbar für ihn, sie berührte seine Haut, doch er versuchte schon lange nicht mehr, sie ebenfalls zu berühren, denn sie entzogen sich jedem einzelnen Versuch. Es roch nach dem Schweiß hart arbeitender Männer und er lag auf dem Boden, auf dem sie jahrelang ausgespuckt hatten.
Die Luft um ihn herum stand still, kein Laut drang zu ihm durch, alles, was er registrierte, waren die Stahlträger an der Decke. Er starrte sie an, Minute um Minute. Und er starrte auch in das grelle, abstoßende Licht der Leuchtstoffröhren, die an nicht isolierten Labeln von der Decke hingen. Die alte Fabrikshalle war zugerümpelt mit defekten Maschinen, alten Möbeln und dem Schmutz, der sich in den letzten Jahren hier angesammelt hatten. Doch er hörte die Geschichten nicht, die diese Möbel erzählten, denn sie erzählten dasselbe wie tausend Tage zuvor.
Mit jeder Sekunde, in der das grelle Licht mehr und mehr seine Augen verätzte, wurde in ihm das Bedürfnis wacher, seinen Schädel gegen die Wand zu schlagen. Immer und immer wieder, so fest er nur konnte, immer und immer wieder gegen diese kalte raue Betonwand bis es vorbei war. Bis er nicht mehr denken musste, bis er nicht mehr von seinen eigenen Erinnerungen erstickt werden würde, bis er endlich aus der alltäglichen Untätigkeit aufwachte. Er wollte nicht mehr, er konnte nicht mehr, er fühlte, wie seine Seele langsam schwand, wie sie sich ihm langsam und schmerzhaft entzog und ihm selbst alles egal wurde. Von Tag zu Tag kümmerte es ihn ein bisschen weniger. Er spürte es, er wollte es beschleunigen, wollte die Zeit zwingen zu rasen, doch sie schlug ihm ins Gesicht und drosselte ihr Tempo. Und er konnte ihr nur hilflos dabei zusehen. Hier liegen und zusehen.



Und dann stand sie plötzlich dort. Sie konnte keinen Horizont am Himmel erkennen, die Felder vor ihr waren so eben, dass sie nicht erkennen konnte, wo sie ihr Ende fanden. Mitten auf der Straße stand sie, sie kannte diese Straße nicht, sie wusste auch nicht, wie sie hierhergekommen war. Die Sonne brannte heiß auf sie herunter, doch ihr war nicht warm, im Gegenteil, sie fror sogar ein wenig. Sie spürte die Hitze nicht, sie drang nicht zu ihr durch, alles was sie spürte, war diese immer währende Kälte, die sich um sie schloss und schon zur Gewohnheit geworden war. Die Straße vor ihr war frisch asphaltiert, der Asphalt war noch warm und er war tiefschwarz. Noch nie zuvor war jemand hier gefahren, das konnte man sehen. Es lag kein einziger Kieselstein auf der Straße, nichts ragte heraus, keine einzige Unebenheit prägte ihren Anblick.
Der Weg, der vor ihr lag, barg keine Geheimnisse, keine Stolpersteine, kein einziges Hindernis, das es galt zu bewältigen. Sie wollte den Kopf nach hinten drehen, sie wollten sehen, was hinter ihr lag, doch es ging nicht, sie war nicht imstande ihren Kopf nach hinten zu bewegen, nicht einen Millimeter, sie bewegte sich nicht, sie wollte es so sehr, doch sie konnte nicht. Sie fühlte sich wie eine Statue, eingefroren, in ihrer Bewegung erstarrt - für immer. Dazu verdammt in einem unzerstörbaren Panzer zu existieren, mit dem Drang nach außen gehen zu wollen, Gefühle zeigen zu wollen, es immer wieder zu versuchen, doch die Ketten aus Stein waren zu fest, zu fesselnd, als dass auch nur eine einzige Bewegung möglich gewesen wäre. Langsam und ekelhaft kroch die Panik ihren Hals hoch, schnürte ihr den Atem ab und ließ ihr Tränen, heiß wie Feuer in die Augen steigen. Ihr Blick verschwamm, Tränen liefen über ihre Wangen, tausende von Tränen huschten über ihr Porzellangesicht, um ihrem inneren Schmerz Ausdruck zu verleihen. Sie wusste nicht, wie lange diese Tränen flossen, als sie wieder blinzeln konnte. Sie vergaß es einfach, und als sie sich gänzlich aus ihrer Erstarrung befreit hatte, war sie in ihrer Erinnerung nie erstarrt gewesen.
Und sie begann zu laufen, wie sie noch nie in ihrem Leben gelaufen war, doch ihr Weg war nicht hindernisfrei. Er war voller Hindernisse, voller Stolpersteine, voller Schmerz und Wut und Hass, voller Einsamkeit, doch sie genoss es. Genoss es, ohne zu wissen, warum sie es so sehr genoss. Doch es tat ihr gut, zu fühlen und ihre Gefühle zu zeigen. Es tat ihr unglaublich gut, und als sie sich zum hundertsten Mal die Knie aufschlug und zum hundertsten Mal wieder aufstand, musste sie lächeln.

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