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Alles nur Schein?

Inhaltsangabe

Genre:   Drama (P12)
Rubrik: Farin Urlaub
Status: nicht fertig

Inhalt:
Die Ärzte, eine Band, drei Freunde? Doch was, wenn die Freundschaft schon längst zerbrochen ist und sie nur noch auf der Bühne ihr Spiel spielen?

1. Kapitel

Gehetzt rannte Farin durch den kalten Regen, während die großen Tropfen erbarmungslos auf ihn hinab prasselten. Mit einer Hand umklammerte er seinen schwarzen Gitarrenkoffer,  die andere hatte er unterdessen auf sein braunes Basecap gelegt, damit dieses im Sturm nicht von seinem Kopf flog.
Eigentlich wollte er mit dem Auto zum Proberaum fahren, aber der Wagen sprang nicht an und so musste er den Bus nehmen. Dieser fuhr ihm natürlich noch vor der Nase weg. Deshalb war der Gitarrist dazu gezwungen, zehn Minuten in der Kälte verbringen und warten. Farin zitterte am ganzen Körper, während er immer wieder genervt auf die Uhr blickte. Eigentlich brachte ihn nichts so schnell aus dem Konzept, aber in den letzten Tagen schien alles schief zu gehen.

Es fing damit an, dass sein Flieger aus dem Afrika Urlaub in Italien notlanden musste, da es irgendein Problem mit den Triebwerken gab. Dafür hatte Farin ja noch Verständnis, aber er konnte es nicht verstehen, warum es 24 Stunden dauerte, bis den Passagieren eine Alternative geboten werden konnte. So mussten er und seine Mitflieger auf dem Flughafen warten bis sie endlich in ein Ersatzflugzeug steigen konnten. Dadurch war Farin mit seiner ganzen Tagesplanung in Verzug geraten. Gleich nachdem er seien Koffer bei sich zu Hause abgestellt hatte, hetzten er notgedrungener weise weiter, damit er rechtzeitig zum Proberaum kommen konnte. Denn die Ärzte hatten sich entschlossen ein Konzert für ihren Fanclub zum zweijährigen Bestehen zu veranstalten. Farin hatte zugesagt, auch wenn er gerade er mit dem Racing Team on Tour war. Doch zum Glück war die Planung so gelegt, dass er zwischen den ganzen Konzerten zehn Tage frei hatte und diese nutzte er intensiv, in dem er einfach spontan wegflog. Es war wirklich nicht geplant, aber er musste raus aus Deutschland. Raus aus dem Stress.
Und jetzt? Jetzt, war er wieder mittendrin. Nicht einmal Zeit zum Ausruhen hatte er, nach dem anstrengenden Flug und Farin spürte, wie der ganze Stress ihn jetzt schon an den Kräften zerrte.

Endlich bog der Bus um die Kurve und Farin konnte einsteigen. Mit zitternden Händen bezahlte er sein Ticket und setzte sich dann auf einen der freien Stühle. Seine Nase taute im warmen Bus wieder auf und begann nun unerlässlich zu laufen. Wie Farin bald verstellte, hatte er nicht einmal ein Taschentuch mit.
„Es gibt Tage, da sollte man lieber im Bett bleiben.“, murmelte er missmutig gegen das Fenster und beobachtete dabei, wie das Grau der Stadt am ihn vorbei zog. Lustlos starrte er hinaus, bis der Bus an seiner gewünschten Station hielt und Farin aussteigen konnte. Sofort rannte er über die Straße. Direkt auf ein kleines, graues Gebäude zu. Dieses hatten die Ärzte schon des Öfteren als Proberaum gemietet und so war Farin der Weg nicht fremd. Zum Glück, denn weitere Zeit konnte er nicht verlieren. Er war ja jetzt schon über eine halbe Stunde zu spät. Aber was sollte er auch machen, wenn alles schief ging?
Als Farin die schwere Metalltür öffnete, hörte er schon, wie sich Rod und Bela unterhielten. Sofort stieg sein Adrenalin weiter an, denn das Verhältnis zu den beiden Bandkollegen hatte sich in den letzten Jahren doch stark verändert. Während sie sich früher noch in ihrer Freizeit getroffen hatten, sahen sie sich jetzt nur noch zu den Proben und auf der Bühne.
Warum das so gekommen war, konnte Farin nicht einmal genau beantworten, aber er wusste, dass sie sich über die Zeit auseinander gelebt hatte und wenn er ganz ehrlich war, dann war er wirklich zurzeit lieber mit dem Racing Team unterwegs als mit den Ärzten.
Das Racing Team war noch etwas relativ neues. Es war für ihn spannend und immer noch neu mit so vielen Personen auf der Bühne zu stehen, während er mit Bela und Rod jetzt schon seit über 15 Jahren zusammen Musik machte. Irgendwann verliert eben alles ihren Reiz. Er wusste genau, was die Fans von ihnen erwarteten und er wusste genau, welche Lieder sie spielen würden. Was war daran also noch spannend?

Farin schüttelte den Kopf und verscheuchte die wirren Gedanken, ehe er noch einmal seinen Schritt beschleunigte und den kurzen Flur durchquerte.  Es dauerte keine zwei Sekunden, da stand er im eigentlichen Proberaum. Direkt vor Bela und Rod.

„Ach nee, der Herr Urlaub hat also doch noch den Weg zu uns gefunden. Schön.“, begrüßte ihn Bela sarkastisch. Keuchend blieb Farin mitten im Raum stehen, wo er erschöpft seinen Gitarrenkoffer abstellte.
„Sorry Jungs, aber es ging heute einiges schief.“, schnaufte er, während er sich das Basecap absetzte und einmal mit seiner rechten Hand durch das feuchte Haar fuhr.
„Mmh, is klar.“, Bela verzog sich hinter sein Schlagzeug und schaute ihn auffordernd an. Trotzdem versuchte sich der blonde Mann nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Er zog seine vollkommen durchtränkte Jacke aus, hing sie auf einen Hacken und begrüßte Rodrigo mit einer freundlichen Umarmung. Dieser erwiderte den Gruß ohne Zögern.
„Wird’s heut noch?“, stachelte Bela weiter und fing an lustlos auf seinem Instrument zu spielen.
„Ja, ja, ich mach doch schon.“, erwiderte Farin genervt. Damit war ihm auch das letzte Fünkchen Lust vergangen. Seine Hose war nass, ihm war kalt, seine Nase lief immer noch und Bela nörgelte ihn an, ohne auch nur einmal nach dem Grund zu fragen.
„Mein Flugzeug hatte Verspätung.“, versuchte Farin sich zu erklären. Gleichzeitig packte er seine Gitarre aus und fing an sie nachzustimmen.
„Dann hättest du eins früher nehmen sollen.“, dieser Satz war durch und durch mit Desinteresse getränkt. Früher hätte Bela noch gefragt, was denn passiert sei, aber heute. Heute zählte nur noch der Job. Das Zwischenmenschliche war auf der Strecke geblieben und das schon vor langer, langer Zeit.
Genervt von der schlechten Laune des Drummers drehte sich Farin zu ihm. Die Gitarre hang mittlerweile gestimmt vor seiner Brust.
„Was kann ich denn dafür, dass der Flieger 24 Stunden Verspätung hat? Hä? Ich bin sofort her. Ich war ja nicht einmal richtig zuhause.“, in Farin brodelte es langsam und es wurde immer heißer in ihm, sobald er in Belas gelangweiltes Gesicht sah.
„Is ja jut. Können wa nun endlich anfangen? Ick hab ja nich ewig Zeit und Rod wohl och nich.“, Bela drehte einen der Sticks in seiner Hand.
Auch die Tatsache, dass Bela in seinen alten Heimatdialekt verfallen war, zeigte Farin wie genervt dieser war. Denn das machte er nur auf der Bühne, oder wenn er sich nicht mehr unter Kontrolle hatte.
„Doch, ich hab Zeit.“, meldete sich Rod plötzlich zu Wort, der bis dato stumm neben Bela stand und seinen Bass hielt.
„SCHÖN, WENN IHR NICHTS ZU TUN HABT! “, giftete Bela weiter, „ Aber ich hab noch ne Familie, um die ich mich kümmer möchte.“
Farin verdrehe die Augen. War ja klar, dass der Herr Schlagzeuger jetzt wieder seine Familie-geht-über-alles-Karte ausspielte. Immer musste er sich damit wichtig machen, nur weil Rod und Farin selbst keine Kinder hatten.
Auch das konnte Farin nicht verstehen. Wie konnte Bela diesen Umstand überhaupt der Presse mitteilen? Er hätte jedenfalls alles dafür gegeben, dass niemand, aber auch wirklich niemand, das erfahren hätte. Immerhin war das sein Leben, seine Privatsphäre. Das ging niemanden etwas an, der nicht zu seinem Freundeskreis gehörte.

Farin schnaufte noch einmal missbilligend, bevor er näher trat und seinen Verstärker anschaltete. Ein leises Brummen durchzog den Raum und lag nun als Geräuschteppich kontinuierlich im Raum.
„Mit was fangen wir nun an?“, fragte Farin gegenwärtig. Er wollte die ganze Sache einfach nur hinter sich bringen und nach Hause gehen. Dort sich etwas Warmes anziehen, etwas essen und schlafen. Ach, wäre das schön. Doch sofort riss ihn Belas Stimme aus seinen lieblichen Gedanken.
„Was wir jetzt spielen? Man, Alter. Genauso, wie es auf der Setlist steht, die du schon vor drei Tagen per Post erhalten haben solltest. Sag mal Farin, willst du mich heute eigentlich absichtlich zur Weißglut bringen?“, presste Bela hervor, ehe er       aufstand,  wütend nach einem Stück Papier griff und dieses überreizt in Farins Hand drückte.
„Danke.“, murmelte er zurück. Wie sollte er denn um Himmelswillen Post aus seinem Kasten geholt haben, wenn er doch gerade erst ankam? Will Bela ihn einfach nicht verstehen, oder kann es das nicht mehr?
Farin überflog einmal kurz die Setlist und er sah nichts, was ihn großartig überraschte. Außer einem Lied war alles so wie immer. Nichts Neues also.
„Fangen wir dann an?“, fragte er diesmal selbst.
„Wir warten nur auf dich.“, kam es bittersüß zurück.
„Ruhig Blut, Jan. Auch dieser Tag hat nur 24 Stunden und wird irgendwann vorbei sein.“, murmelte sich der Gitarrist zu, ehe sie mit einiger Verzögerung endlich anfingen zu spielen.

Insgesamt verlief die Probe recht kühl. Bela und Farin sprachen kaum ein Wort miteinander, während Rod es immer wieder probierte, die Stimmung aufzulockern, zwecklos. Der Wurm war nun einmal drin und wollte sich auch nicht mehr so schnell vertreiben lassen.
Nach zwei Stunden war es dann endlich Zeit für eine kleine Pause. Erschöpft setzte sich Farin auf das rote Sofa. Seine Beine zitterten stark und fühlten sich an, als wären sie aus Gummi. Er war so mit seinen eigenen merkwürdigen Gefühlen beschäftigt, dass er kaum bemerkte, wie sich Rod und Bela anzogen.
„Ähm Jan?“, fragte Rod vorsichtig. Farin drehte sofort seinen Kopf zu ihm und schaute ihn fragend an.
„Was denn?“, Farin blinzelte dabei immer wieder mit den Augen, weil Rod ihm auf einmal unglaublich unscharf erschien. Irgendwie verschwommen.
„Alles ok?“
„Ja, klar. Bin nur ein bisschen müde.“, der Gitarrist fuhr sich mit seiner rechten Hand übers Gesicht und kniff die Augen stark zusammen. Danach hatte sich seine Wahrnehmung wirklich gebessert und er erkannte Rod wieder in vollen Zügen.
„Ok, wir wollen uns was zu essen holen. Soll ich dir was mitbringen?“
„Ja, gerne. Irgendwas ohne Fleisch. Danke, Rod.“ Farin lächelte ihm noch einmal entgegen, ehe die Beiden den Raum verließen.

Endlich war Ruhe. Kein nörgelnder Schlagzeuger, keine Hektik. Es herrschte einfach eine angenehme Stille und Farin konnte sich endlich fallen lassen. Erschöpft legte er sich auf die Seite, zog seine Beine an seinen Körper und schloss die Augen. In diesem Moment war es ihm egal, wie lange Bela und Rod wegblieben. Er wollte nur noch schlafen.

2. Kapitel

„Bist du sein Dienstmädchen oder was?“, fragte Bela mit einem bissigen Unterton, sobald sie aus dem Gebäude getreten waren.
„Man Bela, was soll denn das? Ich habe ihn von mir aus gefragt. Jetzt mach da kein Drama draus.“, Rod griff in sein Jackett und holte eine Packung Zigaretten heraus. Zum Glück hatte es aufgehört zu regnen.
„Darf ich?“, fragte er Bela und hielt ihm die Packung unter die Nase. Dieser hatte ja schon vor einigen Jahren aufgehört und mochte es seitdem nicht mehr, wenn man in seiner Nähre rauchte. Besonders nicht, da er jetzt ein Kind hatte.
„Ja, mach doch.“, immer noch aufgebracht zog Bela seine Jacke enger und verschränkte seine Arme vor der Brust.
„Ach Bela.“, seufzte der Chilene schwermütig, „Was ist denn zwischen euch eigentlich schon wieder los? Ich dachte der Abstand nach der Jazzfäst-Tour würde euch gut tun, aber mir kommt es beinahe so vor, als wäre es noch schlimmer als je zuvor.“
Beide steuerten nun direkt auf eine nahe gelegte Imbissbude zu.
„Weiß ich doch auch nicht. Er geht mir eben einfach auf die Nerven. Sein ganze selbstgefällige Art und das dämliche Grinsen. Ich kann es einfach nicht mehr sehen.“, daraufhin bestellte Bela sich eine Curry-Wurst.
„Aber genau das mochtest du doch früher an ihm. Sein Lachen, seinen Humor, die Art und Weise wie er Probleme löste.“, danach orderte auch Rod zwei Portionen Pommes und eine Wurst.
„Ja, aber jetzt nervt es mich eben. Ich  kenne ihn jetzt schon seit über 25 Jahren und es gibt nichts, dass ich nicht weiß und genau das stört mich. Ich weiß einfach schon, was er sagen will, bevor er es wahrscheinlich weiß. Er ist für mich einfach berechenbar geworden und auch irgendwie langweilig.“, Bela lehnte sich an die Wand der Imbissbude und schaute mit ziellosen Blick in die Ferne.
„Weißt du, wenn er da ist, dann wünsche ich mir, dass er weit weg wäre und wenn er weg ist, dann eben nur manchmal, dass er da ist. Seine Rolle ist einfach nicht mehr so bedeutend in meinem Leben.“, er kickte einen kleinen Stein auf die Straße.
„Bela, Bela.“, Rod schüttelte leicht den Kopf, bezahlte das Essen und schaute ihn dann eindringlich an.
„Reiß dich bitte noch ein wenig zusammen. Wir spielen dieses Jahr nur noch vier Konzerte und 2010 machen wir dann schon wieder Pause. Lass die letzten Konzerte nicht so enden. Lass uns einfach nochmal Spaß haben. So wie früher.“, über Rods braune Augen huschte für einen kurzen Moment ein Leuchten.
„So wie früher.“, schnaubte Bela, „Früher gibt es nicht mehr. Es ist schon lange vorbei.“, danach drehte er sich um und ging wortlos Richtung Proberaum

Als sie den kleinen Raum betraten, lag Farin immer noch zusammengerollt auf dem Sofa und schlief. Dass er wirklich schlief, verriet das leise Schnarchen, welches nun den Raum erfüllte.
„Super.“, seufzte Bela bei dem Anblick.
„Ist doch egal. Wir wollten doch eh ne Pause machen. Was macht es da, dass er schläft?“, Rod setzte sich auf einen der Stühle und reichte Bela die eingepackte Curry-Wurst.
„Toll, und wo soll ich jetzt sitzen?“, unschlüssig stand Bela in dem Raum und schaute dabei immer wieder missbilligend von Rod zu Farin.
„Schon gut, schon gut.“, Rod verstand die Aufforderung und machte sich daran, den schlafenden Gitarristen zu wecken. Kaum hatte er dabei seinen Platz verlassen, stürzte sich Bela auf den frei gewordenen Stuhl und Rod wusste, dass er seinen Platz nun endgültig  verloren hatte.
„Jan, aufwachen. Das Essen ist da.“, Rod schüttelte ihn sanft an den Schulter. Es dauerte eine Weile doch dann regte sich das menschliche Knäul, entfaltete seine Glieder und zum Vorschein kam ein Farin Urlaub in voller Größe, der nun wieder auf dem Sofa saß.
„Sorry.“, nuschelte er verlegen, bevor er gähnen musste.
„Macht doch nichts.“, Rod grinste ihm entgegen, nahm das Essen und setzte sich neben Farin.
Danach war es wieder still. Totenstill. Nur das Rascheln der Verpackung war ab und zu zuhören.
Die Atmosphäre war zum Zerreisen gespannt bis sich Farin plötzlich wortlos erhob und hinaus stürmte.
Der Geruch der fettigen Pommes und der stinkenden Curry-Würste schlug ihm dermaßen auf den Magen, dass er sofort ins Bad stürmte und sich dort übergab.
Nachdem sich dieser soweit beruhigt hatte, ließ sich Farin erschöpft an der Wand hinunter gleiten. Über seine Stirn breitete sich ein kühler Schweißfilm aus, seine Hände und auch Beine zitterten unkontrolliert und der Atem ging schnell. Zu schnell. Farin musste sich unbedingt wieder beruhigen. Deswegen schloss er die Augen, lehnte seinen hämmernden Kopf an die kühlen Fliesen und konzertierte sich diesmal nur auf sich. Er hörte seinen rasselnden Atem. Mehr nicht. Die seltsame Stille drückte ihm diesmal unangenehm auf die Ohren. Wie eine unsichtbare Hand, die sich über sie gelegt hatte und jedes Geräusch abfing.
Farin wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als er plötzlich Schritte vernahm. Doch ihm war immer noch übel und so ließ er die Augen einfach zu.
„Jan?“, fragte eine besorgte Stimme und Farin kannte diese. Es war Rod, der sich, nachdem Farin nun bald eine Viertelstunde im Bad verbracht hatte, Sorgen gemacht hatte und ihn suchen ging. Außerdem sagte Bela nicht mehr Jan. Für ihn gab es nur noch Farin, den Arbeitskollegen. Jan, der Freund, war schon längst anderen neuen Personen gewichen.
Mühsam öffnete der blonde Mann wieder seine Augen und blickte direkt in Rods. Dieser kniete nun vor ihm und schaute besorgt in sein Gesicht.
„Alles ok?“, fragte der Chilene. Irgendwie war die Frage doch dumm. Immerhin saß Farin gerade kreidebleich auf dem Toilettenboden, aber es war einfach eine Phrase, die sich in den Sprachgebrauch eingeschlichen hatte.
„Ja, geht schon.“, Farin versuchte zu lächeln, „Die Pommes bekamen mir nur nicht.“
„Ok, kannst du aufstehen, oder ist dir schlecht?“, unbeholfen starrte Rod seinen Freund immer noch an.
„Klar, geht schon.“, zitternde zog er seine Beine an, stützte die Hände auf den Boden und stellte sich langsam wieder in eine aufrechte Position. Doch leider nicht so sicher, wie er es gerne hätte. Denn auf einmal drehte sich der Boden ungemein und er geriet ins Wanken. Aber Rod reagierte geistesgegenwertig und griff ihn unter die Arme.
„Sicher, dass es geht?“, fragte er noch einmal nach.
„Ja, Rod. Ist nur ein Jetlag und dann der ganze Stress. Da macht auch schon mal mein Kreislauf schlapp. Außerdem hab ich seit über 24 Stunden nicht mehr richtig geschlafen. Aber es wird schon gehen.“
Farin befreite sich aus Rodrigos griff und ging zum Waschbecken, wo er sein Gesicht mit dem kühlen Nass benetzte.
Nachdem er sein Gesicht wieder vollkommen trocken gerieben hatte, wollte sie beiden gerade wieder in den Proberaum gehen, als Farin Rod festhielt.
„Bitte sag Bela nichts davon. Ok?“, er wusste selbst nicht warum er seinen kleinen Zusammenbruch verheimlichen wollte. Vielleicht, weil Bela ihm nicht mehr so nahe war und es ihm deswegen schwer fiel, ihm seine Gefühle zu zeigen. Auch wenn es bedeutete, dass er seine Übelkeit verbergen musste.
„Mmh, ok. Wenn du willst.“
Farin nickte ihm dankbar zu, ehe sie den anderen Raum betraten.
„Man, ich dachte, du bist schon ins Klo gefallen oder so.“, grummelte der Schlagzeuger gleich wieder los.
„Bela, jetzt halt doch mal dein Maul.“
Entsetzt schauten Farin und Bela Rodrigo an. So hatte er noch nie mit einem der beiden gesprochen.
„Deine schlechte Laune macht das Proben echt nicht leicht und deswegen finde ich, dass wir jetzt aufhören sollten. Wir können die Lieder. Es sind ja keine neuen und dann treffen wir uns eben morgen zum Soundcheck wieder, wo wir eventuelle Fragen klären können.“, ohne eine Antwort abzuwarten, packte Rod daraufhin sein Instrument ein und ging hinaus.
„ACH FICK DICH, ROD!“, schrie Bela ihm hinterher und warf seine Sticks wütend durch den Raum.

3. Kapitel

Einen Moment stand Farin bewegungslos im Raum. Rods Abgang hatte ihn echt beeindruckt. Ob dieser es extra gemacht hatte, damit Farin sich endlich ausruhen konnte? Oder war es doch alles Zufall?
Farin wusste es nicht. Das Einzige, was er wusste war, dass er sich nun mit Bela alleine in einem Raum befand und das war eine Tatsache, die er sehr schnell ändern musste.
Eilig packte er deshalb seine Gitarre in den Koffer. Gerade als er den Verschluss runter drückte, der mit einem lauten Klick einrastete, ertönte Belas Stimme.
„Morgen biste aber pünktlich!“, knurrte er, während er die alten Sticks zerbrach und in den Müll warf.
„Sag mal, was ist eigentlich dein verdammtes Problem heute?“, presste Farin wütend hervor, ehe er sich aufrichtete und nun direkt vor Bela stand.
„Mein Problem?“, Bela hob bei der Frage die Augenbraue skeptisch nach oben, „Du bist ja wohl zu spät gekommen.“
„Aber nicht mit Absicht.“, konterte der blonde Gitarrist.
„Das wäre ja noch schöner.“, schnaubte er und schüttelte missbilligend seinen Kopf.
„Als wärst du nie zu spät gekommen.“, Farin hob seinen Gitarrenkoffer auf. Er wollte sich jetzt nicht streiten. Er wollte in seine Wohnung und seine Ruhe haben.
„In den letzten Jahren nicht. Nein, ich bin ein verantwortungsvoller Familienvater geworden. Ich weiß, wann ich wo zu sein hab.“, seine Augen funkelten dabei giftgrün. Beinahe hasserfüllt.
Farin hingegen verdrehte nur genervt die Augen.
„Bela, ich bin einmal zu spät gekommen. Ok, es tut mir Leid, aber das hab ich auch vorhin schon gesagt. Ich …“, sein eigenes Niesen unterbrach den kleinen Redeschwall.
„Jaja, weißt du, lass mich ein einfach in Ruhe.“, der Drummer winkte ab und drehte sich einfach weg. So, als wäre das Gespräch für ihn damit beendet, aber Farin wollte sich nicht einfach abservieren lassen.
„Wer hat mich denn gerade dumm von der Seite angemacht?“, in ihm brodelte es wieder und er spürte, wie er seinen Griff um den Gitarrenkoffer verstärkte, sodass seine Knöchel weiß hervortraten.
„Dumm?“, mit einem Schwung drehte sich Bela wieder um. Ihre Nasenspitzen berührten sich beinahe. So nah standen sie beisammen. Farin spürte Belas heißen Atem auf seiner Wange.
„Ja, dumm.“, erwiderte Farin spitz.
„ICH SAG DIR MAL, WAS DUMM IST!“, Belas Augen funkelten vor Wut.
„DEINE VISAGE IST DUMM. DEINE TEXTE SIND DUMM. DEINE WITZE SIND DUMM.“, bei jedem Wort kam Bela näher und drängte Farin somit langsam in die hinterste Ecke des Raumes.
„DU BIST DUMM, FARIN URLAUB!“
„SAG MAL, HAST DU SIE NOCH ALLE?“, nun brüllte auch Farin.
„ICH MUSS MICH DOCH VON DIR NICHT BESCHIMPFEN LASSEN! LASS MICH JETZT DURCH, ICH GEH!“, Farin schrie seine Wut und den Schmerz, den die Worte in seinem Herzen hinterlassen hatten, heraus. Auch wenn sein Kopf dadurch wieder anfing stark zu brummen und  sein Magen sich anfühlte als würde er Achterbahn fahren, er wollte sich von Bela nicht so vorführen lassen.
„Geh doch, wenn du willst. Feige warst du ja eh schon immer.“, Bela schaute ihn verachtungsvoll an.
„Feige?“, wiederholte Farin tonlos.
„Ja, feige. Haste jetzt auch schon was an den Ohren?“
„ERSTENS, ICH BIN NICHT FEIGE UND ZWEITENS, NEIN!“, grob packte er Belas Schulter und schubste ihn zur Seite. Kalter Schweiß bildete sich auf seiner Stirn und er verspürte das enorme Verlangen sich hinzusetzten. Es fühlte sich an, als hätte er all seine Kraft heraus geschrien. Müde schlürfte er zum Sofa, doch er hatte die Rechnung nicht mit einem wütenden Drummer gemacht, der ihn trotzig zurück schubste. Farin hatte nicht damit gerechnet und wurde durch den Schubs gen Boden geschleudert. Mit einem lauten Krach blieb er dort für einen Moment benommen liegen.
Warum tu ich mir das eigentlich an, fragte er sich selbst und ließ die Augen  einfach geschlossen. Sein Kopf fühlte sich an, als würden ihn tausend Presslufthammer bearbeiten und seine linke Seite, auf der er gefallen war, schmerzte. Das unangenehme Kribbeln in der Seite veranlasste ihn schließlich sich langsam aufzusetzen. Unter schmerzhaftem Stöhnen brachte er sich in eine sitzende Position und schaute sich um. Doch eine aufkeimende Welle der Übelkeit ließ ihn seine Augen zusammenkneifen.
Nicht kotzen, rief er sich in Erinnerung.
Farin wusste nicht genau, wie lange er mit geschlossenen Augen da saß, doch als er glaubte, dass die Welt sich wieder im Normaltempo drehe würde, öffnete er vorsichtig seine Augen.
Verwirrt schaute er sich um, doch es war niemand mehr im Zimmer.
„Scheiße!“, fluchte Farin und versuchte aufzustehen. Reflexartig presste er seine linke Hand auf die Hüfte und stützte sich mit der rechten vom Boden ab. Es dauerte einige Minuten bis er wieder sicher stand. Noch einmal schaute er sich um, doch Bela blieb verschwunden.
„Dieser Arsch.“, murmelte Farin, als er langsam zu dem Sofa schlürfte und sich dort behutsam niederließ. Mit zittrigen Fingern schob er sein Shirt nach oben, bevor er den Bund der Hose anhob und auf seine schmerzende Hüfte schaute. Es war bereits ein großer roter Fleck zu sehen und Farin wusste, dass das erst der Anfang war. Seufzend ließ er das Shirt wieder nach unten gleiten.
„Wie soll das bloß weitergehen.“, murmelte er traurig. Noch nie war Bela ihm gegenüber so ausgerastet. Klar, hatte er nicht erwartet, dass sie heute zusammen eine glückliche Familie darstellen würden, aber etwas Professionalität im Umgang mit den Arbeitskollegen hätte er sich schon erwartet. Aber Bela war nun einmal ein Mensch, der einzig und allein nach seinem Bauchgefühl zu handeln schien.
Ein eisiger Schauer lief Farin über den Rücken.
Bedeutete das etwa, dass Bela ihn wirklich abgrundtief hasste?
Farin wusste es nicht, aber ehrlich gesagt, wollte er das auch gar nicht. Er hatte Angst vor der Wahrheit. Angst, dass seine Befürchtung, die Band wäre nichts mehr als eine Truppe von Schauspielern, verdammte Realität geworden war.
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Es regnete immer noch als Farin aus dem Proberaum trat. Der einzige Unterschied zu vorhin bestand darin, dass die Sonne allmählich unterging und ihm die kalte Abendluft erbarmungslos entgegen peitschte. Farin vergrub seine linke, freie Hand in der Jackentasche und machte sich langsam mit gesenktem Haupt Richtung Heimat auf. Er lief langsam, da ihm immer noch jeder Schritt wehtat, aber das störte ihn nicht. Denn irgendwie beruhigte die kalte Luft seinen Magen und die Übelkeit verschwand gemächlich. Trotzdem fühlte er sich schlecht.
Nicht nur körperlich war er angeschlagen, nein auch seelisch.
Die ganzen Streitereien in der letzten Zeit waren einfach nichts für sein sonniges Gemüt.
Ob es mit Bela jemals wieder besser wird? Farin seufzte und schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich war ihre beste Zeit, ihre Freundschaft endgültig vorbei.
Der blonde Hüne merkte gar nicht, dass er schon an der Bushaltestelle stand. Erst als der große Bus unter lautem Gebrumme sich näherte und ihn somit aus seinen Gedanken riss, war sich Farin bewusst, wo er war.
Wieder seufzte er, als er einstieg und sich lustlos eine Fahrkarte kaufte.
Bewegungslos starrte er aus dem Fenster, als plötzlich sein eigenes Handy ihn aus seinen Gedanken riss.
Verwirrt zog er es aus seiner Jackeninnentasche und ging ran.
Nach einem kurzen Gespräch stellte es sich heraus, dass es ein Mitarbeiter der Cyan- Gitarrenproduktion war, der ihm mitteilte, dass seine neue Gitarre endlich fertig sei und Farin, sofern er noch Zeit hätte, sie heute Abend abholen könne.
Der Gitarrist hatte eigentlich keine Lust noch jemanden zu treffen, aber da es auf dem Weg lag, bejahte er die Frage.
Kaum war das Telefonat beendet, hielt der Bus an seiner Haltestelle und Farin stieg aus. Zum Glück war der Weg nicht allzu weit und ehe er sich versah, stand er in dem kleinen Büro und wartete, dass ihm jemand seine neue Gitarre brachte.
„Sie ist viel leichter. So wie du es wolltest.“
Farin nahm die schwarze Gitarre prüfend in seine Arme und wog sie ein paar Mal hin und her. Sie war wirklich viel leichter als seine Blackhawk. Schon allein der Totenkopf darauf wiegt einiges.
„Danke, das ist wirklich perfekt so. Mein Rücken wird sich bedanken.“, mit einem Grinsen verabschiedetet sich der blonde Mann und ging nun mit zwei Gitarrenkoffer nach Hause.
Als er die Wohnungstür aufschloss, flog er beinahe über seinen achtlos in den Weg geworfenen Koffer.
„Ach scheiße.“, fluchte Farin laut, ehe er sich einen Weg ins Wohnzimmer kämpfte und dort seine Gitarren ablegte.
Mit einem letzten Blick auf sie verließ er das Zimmer, um sich endlich eine heißersehnte Dusche zu gönnen.
Schnell zog er seine Klamotten aus und warf sie achtlos auf den Boden, bevor er  in die kalte Kabine stieg. Die nackten Füße auf dem eisigen Untergrund leiteten die Kälte bis zu seinen Haarspitzen, sodass ihn ein eisiger Schauer den Rücken herunter lief.
Erst das warme Wasser erzeugte ein angenehmes Prickeln auf seiner Haut und ließ ihn  genießerisch die Augen schließen. Als er seinen Kopf senkte, damit das Wasser seinen verspannten Nacken entlang rinnen konnte, blickte er auf seine geschundene Hüfte, wo sich allmählich ein dunkler Fleck abzeichnete. Vorsichtig fuhr er die Konturen mit seinem Zeigefinger nach.
„Danke, Bela.“, murmelte er traurig, ehe er den Blick abwandte und sich seinem Shampoo widmete.
„Pflegeshampoo für gefärbtes Haar.“, las er mit traurigen Blick.
„Ich werd alt. Meine Haare grau, mein Rücken ist im Arsch und die vielen Falten um meinen Augen kann doch keiner mehr zählen.“, Farin seufzte laut, schaltete das Wasser wieder aus und stieg aus der Kabine.
Schnell nahm er ein weißes Handtuch und rubbelte seine Haare trocken.
„Wenigstens der Spiegel hat mit mir erbarmen.“, dachte er sich, als er in diesen, der durch das warme Wasser vollkommen beschlagen war, schaute.
Mit einem Handtuch um die Hüfte wollte er gerade aus dem Bad treten, als ihm schon wieder schwindelig wurde. Doch zum Glück konnte er sich noch im Türrahmen festhalten. Einige Momente verharrte er bewegungslos, ehe er die Augen wieder öffnete und weiter ging.
„Scheiß Blutdruck.“, fluchte er und kämpfte sich in sein Schlafzimmer, wo er erschöpft auf das Bett fiel.
Er atmete hörbar aus und starrte an die Decke. Die letzten Tage waren wohl einfach zu viel.
„Ich brauch dringend neuen Urlaub.“, stöhnte er, als er sich aufrichtete und trockene Kleidung suchte. Nachdem er also wieder in schwarzer Montur im Zimmer stand, ging er noch einmal in das Wohnzimmer. Auf dem Weg dorthin machte er einen Zwischenstopp in der Küche und schnappte sich eine Banane, die er langsam schälte. Laut schmatzend setzte er sich auf das Sofa und starrte auf seine beiden Gitarren.
Endlich war die neue schwarze, leichte Gitarre fertig. Bei den letzten Konzerten hatte er immer öfters starke Rückenschmerzen bekommen. Manchmal waren sie so schlimm, dass er kurz von der Bühne verschwand und eine Tablette nahm, um es überhaupt aushalten zu können.
Er war sogar beim Arzt. Daher hatte er auch den Tipp mit einer leichteren Gitarre bekommen.
Zuerst war er tief gekränkt von den Worten. Eine leichtere Gitarre. Wer war er denn? Ein alter Mann, der nicht einmal mehr drei Stunden stehen konnte oder was? Aber letztendlich musste er sich eingestehen, dass der Mediziner wohl oder übel Recht hatte.  Wenn er noch ein paar Jährchen auf der großen Bühne verbringen wollte, dann musste er sich die Schwäche des Alters eingestehen.
Außerdem musste er es ja niemanden auf die Nase binden. Sollen die Leute doch denken was sie wollen. Na und? Dann hat er eben eine neue Gitarre. Die passt eh viel besser zu ihm. Sie war reifer und ernster. Genauso wie er.
Ja, genau. Er sollte viel mehr stolz sein, dass er sich weiterentwickelt hatte. Dass er nicht mehr der unreife Bengel aus Berlin war. Nein, er war jetzt ein reifer Mann aus Berlin. Na ja, jedenfalls ein weniger reifer als früher.
Farin legte die Bananenschale zur Seite und widmete sich seinem neuen Schatz. Behutsam öffnete er den Koffer und hob sie auf seinen Schoss. Er legte ihr einen schwarzen Gitarrengurt um und stimmte sie, bevor er einige Minuten gedankenversunken spielte. Ihr klang war auch ohne Verstärker voll und weich gleichzeitig. Sie war ein wirklich gelungenes Exemplar.
Zufrieden legte er die Gitarre zurück in den Koffer. Die silbernen Schnallen rasteten mit einem leisen Klick ein und das schützende Gehäuse war wieder vollkommen geschlossen. Mit einem leichten Grinsen zog Farin legte sich Farin auf das Sofa. Die Beine zog er dicht an seinen Oberkörper, bevor er erschöpft einschlief.

4. Kapitel

Farin verbrachte die ganze Nacht auf dem Sofa und wachte erst auf, als sich sein Magen knurrend zu Wort meldete, doch da war es schon fast sieben.
Laut gähnend brachte sich der Blonde in eine aufrechte Position.
Auch die Sonne hatte mittlerweile ihren Weg in das Wohnzimmer gefunden und tauchte es in ein liebliches Orange. Als Farin dann auch noch die Vögel zwitschern hörte, konnte er nicht anders als zu grinsen. Dieser Tag schien das komplette Gegenteil des gestrigen zu werden. Es war immerhin keine Regenwolke am Himmel zu sehen und  Farins Übelkeit sowie das Schwindelgefühl hatten sich auch verzogen.
„Na dann, auf in einen neuen Tag.“, sagte Farin zu sich selbst und trottete in die Küche, wo er sich ein großes Frühstück zubereitete und dieses genüsslich verschlang.
Er verbrachte den ganzen Vormittag damit, sein Haus wieder auf Vordermann zu bringen. Bei lauter Musik schwang er den Staubsauger und fühlte sich viel entspannter als er es gestern war.
Hoffentlich würde sich das von gestern nicht wiederholen, dachte sich Farin und stellte gleichzeitig den Staubsauger zurück auf seinen Platz.
Die Stunden vergingen und ehe er sich versah, war es Zeit aufzubrechen. Zum Glück fand das Konzert in Hamburg statt. Eindeutig Heimvorteil.
Farin grinste und machte sich samt seiner neuen Gitarre auf den Weg zur Halle, wo der Soundcheck stattfinden sollte. Er war zum Glück der Erste, denn von Bela und Rod war noch weit und breit keine Spur.
Glücklich begrüßte er einige Techniker und Bühnenarbeiter, bevor er von ihrem Manager abgefangen wurde.
„Hey Jan, na alles klar?“, fragte er gut gelaunt.
„Na logisch.“, er schenkte ihm sein breitestes Grinsen. Der Manager erwiderte dies und führte den Gitarristen in den Backstagebereich.
„Hier werdet ihr euch dann die letzten Minuten bis zur Show aufhalten. Es ist zwar ein bisschen klein, aber das liegt an der Halle.“
Farin nickte verstehend, während er sich umschaute. Der Raum bot Platz für ein großes schwarzes Sofa sowie zwei dazu passende Stühle. Desweiteren erstreckte sich an der Wand eine Reihe aus drei Tischen, wo wohl später das Buffet serviert werden würde. Ansonsten war nichts in dem Raum.
„Ich lasse euch dann noch ein bisschen Essen und Trinken herbringen. Ihr müsst mir nur sagen, was ihr wollt.“, riss ihm plötzlich die gut gelaunte Männerstimme aus den Gedanken.
„Wasser und einen Salat für mich. Die Anderen musst du leider selber fragen.“, erwiderte Farin lachend. Auch wenn ihm gar nicht mehr so stark nach lachen zu Mute war, denn dieser kleine Raum schrie beinahe danach, dass sie sich später an die Gurgel gehen würden.
Na toll, dachte sich Farin und seufzte leise. Zum Glück war es eines der letzten Konzerte für dieses Jahr.
„Ok, die Bühne wird noch zu ende aufgebaut und ich schätz mal …“, der Manager stoppte und schaute auf seine Uhr, „In einer Stunde beginnt dann der Soundcheck.“
„Alles klar.“
„Gut, bis später dann.“, damit verabschiedete sich der Mann und ließ Farin ratlos zurück. Was sollte er denn jetzt eine Stunde machen?
Unschlüssig stellte er seine Gitarre ab und ging wieder hinaus, um sich mit einigen von der Crew zu unterhalten. Schnell hatte er einen willigen Gesprächspartner gefunden, der ihn doch tatsächlich für einige Minuten von seinen Sorgen und Problemen ablenkte.
Farin lachte gerade lautstark als Rod und Bela nach einander die Halle betraten. Sie nickten Farin kurz zu, ehe auch die beiden Musiker vom Manager abgefangen wurden und er ihnen wahrscheinlich dasselbe erzählte, wie Farin vor einiger Zeit.
Schnell verabschiedete sich der blonde Hüne und ging auch in ihren Backstagebereich.
„Hey Jungs.“, sagte er betont freundlich.
„Hi.“, erwiderte Rod kurz und widmete sich seinem Bass, den er gerade vorsichtig aus dem Koffer befreite.
Na das läuft ja super, dachte sich Farin und verzog das  Gesicht.
„So, der Soundcheck beginnt in zehn Minuten. Ich lass euch bis dahin mal allein.“, sagte der Manager ruhig, während er auf sein Klemmbrett schaute, um die ganzen Termine zu koordinieren.
„Ok, bis dann.“, erwiderte Farin freundlich und schon war die Tür geschlossen.
Der Gitarrist drehte sich um und schaute seine beiden Bandkollegen an. Während Rod stumm seinen Bass stimmte, saß Bela mit einem Bier in der Hand auf dem Sofa und starrte die Wand an, nur um nicht Farin ansehen zu müssen.
Der blonde Mann seufzte und ging so leise wie möglich zu seinem Koffer und packte die neue Gitarre aus. Er stimmte sie gerade als augenscheinlich Rods Interesse geweckt worden war, denn er starrte ungeniert auf das neue Instrument.
„Du hast ne neue Gitarre.“, stellte er trocken fest.
„Stimmt.“, erwiderte Farin beinahe schüchtern.
„Kann ich sie mal näher anschauen?“
„Klar.“, erfreut über das Interesse, übergab er die Gitarre an Rod. Dieser legte sofort die Stirn in Falten und prüfte jede Einzelheit. Langsam strichen seine Finger über die Saiten.
„Sie klingt schön voll.“, er nickte dabei und übergab sie an ihren Besitzer, „Aber kann es sein, dass sie leichter ist, als die alte?“
Farins Wangen färbten sich bei den Worten rot.
„Ja, ein bisschen, weil sie eben keinen Totenkopf mehr hat und den Korpus haben sie bei Cyan auch ein wenig verändert.“, erklärte er die Situation.
„Ich dachte, der Totenkopf steht für dich. So als Zeichen des Punks und der Freiheit.“, Rods Brauen zogen sich skeptisch zusammen.
„Ja, aber ich brauch ihn nicht mehr. Ich weiß, wer ich bin und was ich will. Ich brauch eben kein teures Statussymbol.“, Farin lachte unbeholfen auf. Den Scheiß würde doch niemand glauben.
„Aha.“, Rods Augen fixierten ihn immer noch, „Aber ich dachte, er ist dir wichtig gewesen. Niemand außer du selbst darf diesen Kopf auf seiner Gitarre haben und jetzt soll er dir egal sein?“
„Joa.“, mit einem kleinen Lächeln versuchte er Rod zu beruhigen, damit dieser nicht weiter nachfragen würde, doch plötzlich wurden sie von einem lautstark lachendem Bela unterbrochen.
„Was ist denn daran so lustig?“, fragte Farin leicht genervt. Er hatte die Sache von gestern noch nicht vergessen.
„Man Rod, du bist echt dümmer als du aussiehst.“, Bela lachte immer noch, als ihn auch der Bassist verdutzt anstarrte.
„Farin hat eine neue, LEICHTE Gitarre, weil er es seit einiger Zeit im Rücken hat.“, sprudelte es aus ihm heraus, ehe er sich direkt an Farin wandte, „Tja, du wirst eben auch nicht jünger. Haste eigentlich schon deinen Altersheimplatz bestellt? Oder sogar schon den Sarg gewählt?“
Fassungslos starrte Farin den Älteren an, doch bevor er etwas sagen konnte, drang Rods Stimme an sein Ohr, die ihn abschätzig fragte:
„Stimmt das? Also, ist das der Grund?“
„Klar, ist er das. Du hättest ihn mal letzte Tour hören sollen. ‚Bela, mein Rücken tut so weh. Bela, ich kann nicht drei Stunden da stehen. Bela, massierst du mich? Bela, hast du noch ne Schmertablette. Ich halte das sonst nicht aus.‘“, gab der Drummer in einer hohen Mädchenstimme wieder.
„Das habe ich dir im Vertrauen erzählt.“, zischte Farin wütend, während er augenblicklich glaubte, vor Scham zergehen zu müssen. Sichtlich um Fassung ringend starrte er auf seinen, wohl ehemalig besten Freund. Wie konnte Bela sein Geheimnis so rücksichtslos in die Welt posaunen?
„Na und? Ist doch kein Geheimnis, dass du schnellen Schrittes auf die 50 zugehst.“
Farin öffnete gerade seinen Mund, um etwas zu erwidern, als Bela seine Hand hob und ihn somit zum Schweigen brachte.
„Ja, ich weiß, was du sagen willst. Dass ich ja ein Jahr älter bin als du. Aber … im Gegensatz zu dir, habe ich noch keine Beschwerden. Was soll ich sagen, dein achso gesundes Leben war wohl nicht das perfekte Mittel, um Jung zu bleiben. Du hättest vielleicht mal ab und zu nen Schnaps trinken sollen. Dann wärst du jetzt auch viel Lockerer und nicht so ein elender Kontrollfreak.“, Bela grinste ihm hämisch entgegen, bevor er die Bierflasche an seine Lippen führte und genüsslich daraus trank.
„Das muss ich mir von dir nicht bieten lassen.“, sagte er beinahe hysterisch und verschwand aus dem Raum.
„Musste das sein?“, fragte Rod, obgleich es eher gelangweilt klang. Ihm war es wirklich egal, warum wer ein neues Instrument hatte. Denn eigentlich wusste doch jeder, dass er der eigentliche Star der Band war. Ohne sein musikalisches Talent wären sie nichts. Ohne Rodrigo Gonzalez wäre die Band schon wieder im Erdboden verschwunden.
Gedankenversunken strich sich der Chilene durch sein schwarz glänzendes Haar.
Ja, ohne ihn hätten sie nie so viele Platten verkauft.
Er strich ein letztes Mal seinen schwarzen Anzug glatt, bevor auch er, ohne Bela eines weiteren Blickes zu würdigen, das Zimmer verließ.
„Angeber.“, murmelte Bela leise und griff nach einem weiteren Bier.

5. Kapitel

Zitternd stand Farin im Bad. Mit seinem Rücken lehnte er an der kalten Wand, während er die Augen geschlossen hatte.
„Warum macht Bela das?“, fragte er sich immer wieder. Sein Herz raste und das Atmen fiel ihm unglaublich schwer.
„Beruhige dich, Jan.“, versuchte er es, doch die aufkommende Übelkeit konnte er nicht unterdrücken. Erschöpft ließ er sich schließlich an der Wand hinunter gleiten. Seine langen Beine zog er an seinen schmalen Oberkörper, sodass er sein Gesicht darauf betten konnte und dann konnte er es nicht mehr zurück halten. Tausende von Tränen brachen über ihn herein. Nicht allein Belas Worte hatten ihn verletzt. Viel mehr war es das, dass dieser nicht einmal davor zurückschreckte Geheimnisse zu offenbaren.
„ICH HASSE DICH, DIRK FELSENHEIMER!“, schrie er in seiner Verzweiflung. Doch die Worte wurden sofort von seinen Knien erstickt.
„Ich hasse dich.“, murmelte Farin erschöpft. Doch dann wischte er sich energisch die Tränen aus dem Gesicht und richtete sich vorsichtig auf. Das Schwindelgefühl hatte sich zum Glück wieder gelegt. Einzig ein schwacher Druck in seiner Brust zeigte ihm, dass etwas nicht in Ordnung war.
„Scheiß Blutdruck.“, fluchte Farin in Gedanken, als er sein Gesicht mit dem kalten Wasser bespritzte. Auch wenn er sich eigentlich nicht mehr so sicher war, dass daran allein der zu hohe Blutdruck, dem er dank Bela und dem ganzen verdammten Stress immer öfters hatte, Schuld sein sollte.
Doch er ignorierte den Gedanken. Mit einem erschrockenen Blick auf die Uhr stellte er fest, dass der Soundcheck schon seit zehn Minuten lief.
„Scheiße! Muss denn heute alles schief geh‘n?“, so schnell er konnte, ging er seine Gitarre holen.
Mit einem mulmigen Gefühl betrat er die Bühne. Er war sich sicher, dass man sehen würde, dass er geweint hatte. Dennoch setzte er für die Crew-Mitglieder ein strahlendes Lächeln auf.
„Sorry, ich war noch auf Klo.“, verlegen kratzte er sich am Kopf.
„Kein Problem.“, kam es lachend zurück und schon konnte geprobt werden. Zu seinem Glück vermieden es seine beiden, achso lieben, Bandkollegen etwas zu sagen.
„Jaja, immer die glückliche Fassade aufrecht erhalten ihr falschen Nattern.“, dachte er sich wütend.
Nachdem auch die Technik besprochen wurde, hatten sie noch eine Stunde frei. Farin war klar, dass er diese nicht im Backstagebereich verbringen würde. Deswegen ging er, so armselig das klingen mag, in den Toilettenraum, wo er sich in eine Kabine einschloss. Traurig klappte er den Klodeckel herunter und setzte sich dann auf diesen.
„Das kann doch nicht wahr sein.“, sagte er leise und lies seinen Kopf in die Hände gleiten.
Der große Farin U. versteckt sich wie ein kleines Kind auf Klo aus Angst dem bösen Wolf und dem Schmierlappen zu begegnen.
„FUCK!“, fluchte er noch einmal laut und schlug mit seiner Hand gegen die Tür.
„Nicht mit mir.“, wütend sprang er auf, schloss die Tür wieder auf und ging sicheren Schrittes in den Backstageraum, wo er sich ohne ein weiteres Wort auf einen der zwei Sessel fallen lies.
Schnell verschränkte er die Arme vor seiner Brust und starrte an die gegenüberliegende Wand. Sollten die doch denken, was sie wollten.
Aber scheinbar dachten sie gar nichts mehr. Denn als Farin es wagte, Bela aus einem Augenwinkel zu beobachten, sah er, dass dieser mit einem MP3-Player Musik hörte und die Augen sogar geschlossen hatte. Ein Blick zu Rodrigo zeigte, dass auch dieser Musik hörte, er aber dazu noch ein Buch in der Hand hatte.
Da niemand auf ihn achtete, entspannten sich seine Muskeln und Farin konnte wieder frei atmen. Er hatte gar nicht bemerkt, dass er so angespannt gewesen war.
Aber da er ja jetzt Gewissenhaft ignoriert werden sollte, konnte er eigentlich zufrieden sein. Denn immerhin wurde er nicht mehr angepöbelt.
Ein leichtes Grinsen legte sich auf seine Lippen, während er aufstand und sich seinen Salat nahm, den er genüsslich verspeiste.
Ja, diese Ruhe war wirklich angenehm. Fast schon himmlisch.
Doch das war nur die Ruhe vor dem Sturm, denn immerhin hatten sie noch ein Konzert zu spielen. Ein weiterer Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass es nur noch wenige Minuten bis zur Show waren. Leise stand er auf und schaute in den Spiegel.
„Ja, die Maske sitzt perfekt.“, sagte er mit trauriger Stimme zu sich selbst, die gar nicht zu dem grinsenden Spiegelbild passen wollte, ehe er aus dem Raum verschwand. Die Anderen hatten schließlich auch eine Uhr. Er musste sie nicht aus ihrem Kosmos holen, wo es scheinbar gar keinen Farin Urlaub mehr gab. Konnte er sie dann überhaupt holen?
Schnell schüttelte Farin den Kopf. Es waren sinnlose Gedanken.
„So und jetzt noch mal konzentrieren.“, rief er sich selbst zur Ordnung, als er seine Gitarre entgegen nahm.
Leise machte er sich diesmal auf die linke Seite. Es sollte eine Überraschung sein. Genauso wie die verdrehte Setlist. Ihm war es egal, Hauptsache, er überlebte. Irgendwie.
Zu seiner eigenen Verwunderung waren Bela und Rod auch auf einmal an ihren neuen Plätzen. Eigentlich konnte es ihm nur Recht sein, dass Bela diesmal rechts außen stand. Immerhin war das die weitmöglichste Entfernung zu einander.
„Nicht schlecht.“, dachte Farin und zog auch aus diesem kleinen Strohhalm ein Tröpfchen Hoffnung für den Abend.
Das Konzert begann, wie immer seit der Jazzfäst-Tour, mit den Tönen zu Himmelblau, doch wechselten sie schneller, als das mancher Fan es hätte registrieren können, zu Westerland.
Die Massen tobten und endlich war der Vorhang gefallen. Farin lächelte so gut er konnte und schon bald lies er sich vollkommen fallen.
Wie in Trance spielte er sich von einem Lied ins nächste, bis er Bela vernahm, der wieder Sprüche auf seine Kosten machte.
Doch Farin spielte das Spiel mit. Jedenfalls auf der Bühne und konterte so machen Spruch oder lachte einfach am lautesten, wenn es wieder gegen ihn ging.
Dennoch traf es ihn jedes Mal aufs Neue, wenn Bela eine Attacke gegen ihn  startete. Die Fans hielten es für Spaß, aber nur, weil sie nicht wussten, dass Bela immer so war. So ein Arsch.
Langsam kam es Farin vor, als würden die Sekunden Stunden dauern. Als hätte jemand absichtlich die halbe Geschwindigkeit eingestellt, um ihn zu quälen. Aber zum Glück geht alles einmal vorbei und so endete auch dieses Konzert mit einem „Remember, I love you!“ von Rod, ehe die drei die Bühne verließen. Doch kaum waren sie dahinter vor den Fans verborgen, platzte Farin der Kragen.
„Sag mal, Bela. Was sollte das denn mit meiner Mutter? Hä? Reicht es dir nicht, dass du auf mir rumhackst? Musst du auch noch meine Familie da mit reinziehen?“
„Jetzt reg dich doch nicht so auf. Das war doch nur Show.“, erwiderte Bela gleichgültig und zuckte nur mit den Schultern.
„NUR SHOW? WENN DU MICH BELEIDIGST. OK, ABER UM HIMMELSWILLEN LASS MEINE FAMILIE DA RAUS!“, Farin schnaubte wütend.
„Ja, Mann. Hab ich etwa deine Schwester beleidigt? Nein, und das deine Mutter nun mal mit jedem ins Bett gegangen ist und dass sie nicht einmal sicher weiß, ob dein Vater dein Vater ist, weiß doch auch jeder.“
Fassungslos starrte Farin ihn an. Er spürte, wie sich einige Tränen in seinen Augenwinkel bildeten.
„DAS IST ABER PRIVAT UND HAT ABSOLUT NICHTS AUF DER BÜHNE VERLOREN! ICH ERZÄHL DOCH AUCH NIEMANDEN, DASS DU DEIN ERSTES MAL ERST MIT 21 HATTEST.“
Jetzt gingen die Worte eindeutig unter die Gürtellinie.
„DAS WAGST DU DICH NICHT, DU IDIOT.“, nun schrie auch Bela.
„ACH DEM HERREN FEHLEN WIEDER EINMAL SACHLICHE ARGUMENTE, DA MÜSSEN WOHL AUSDRÜCKE HER. SEHR NIVEAUVOLL! WAS DEIN SOHN WOHL DAZU SAGT?“, Farin schrie sich beinahe die Seele aus dem Leib. Immer hatte er stumm die Worte geschluckt, aber jetzt konnte er nicht mehr.
Sie schrien sich an, wie sie es noch nie im Leben getan hatten.
Farin spürte, dass der Druck in seiner Brust stärker wurde, aber er ignorierte ihn. Er wollte jetzt Bela Kontra geben. Doch der Druck wurde stärker. Es fühlte sich beinahe so an, als würde jemand auf seinem Brustkorb sitzen und ihm am atmen hindern. Der stechende Schmerz wurde immer stärker und breitete sich langsam in seinem Brustkorb aus und strahlte sogar in seinen linken Arm. Das Atmen wurde immer schwerer. Schweiß stand auf seiner Stirn und Belas Stimme klang wie ein weicher Brei aus tiefen Klängen in seinen Ohren. Als er von erneuter Übelkeit und einem starken Schwindelgefühl geplagt wurde, wollte er Bela um Hilfe bitten, aber er sah ihn nicht. Er sah nur eine verschwommene schwarze gestallt, ehe er kraftlos zusammenbrach. Röchelnd lag er am Boden. Er wollte atmen, aber es ging nicht. So sehr er sich auch bemühte, die Luft blieb aus. Panik stieg in ihm hoch. Würde er jetzt sterben? War das das Ende von Farin Urlaub? Das Ende von Jan Vetter?

6. Kapitel

Fassungslos starrte Bela auf Farin als einige der Crew auf sie zugerannt kamen.
„Wir brauchen einen Sanitäter. SOFORT!“, schrie jemand und versuchte, den immer noch nach Luft ringenden Farin zu beruhigen. Doch dieser hatte sich in seiner Panik verloren und stand nun der Bewusstlosigkeit nahe.
„Jan, Jan hörst du mich?“, versuchte es Micha immer wieder. Doch in diesem Moment verdrehte der blonde Mann die Augen und fiel kraftlos in sich zusammen.
„Scheiße, er ist bewusstlos.“, Michas Stimme klang mehr als verzweifelt, als er nach Farins Puls suchte.
„Ich find ihn nicht.“, panisch legte er sein Ohr auf Farins Brust, doch auch dessen Herz schlug nicht mehr.
Doch ehe sich Micha an irgendwelche Erste – Hilfe – Maßnahmen erinnern konnte, waren die Sanitäter schon da.
„Herz-Kreislauf-Stillstand.“, stellte einer sofort fest und zerschnitt ohne Scheu Farins schwarzes T-Shirt, damit seine Brust frei lag.
Der Notarzt begann umgehend mit der Wiederbelebung, während der zweite Sanitäter dem bewusstlosen eine Infusion setzte und ein Medikament spritzte.
„Ok, wir haben ihn wieder.“, sagte der Arzt, dem der Schweiß auf der Stirn stand.
Der Andere nickte und intubierte den Patienten, während der Arzt zur Kontrollen ein portables EKG anschloss.
Bela stand da und beobachtete mit offenem Mund das Geschehen. Er konnte es nicht begreifen. Grad stand er doch noch mit Farin auf der Bühne und jetzt lag er hier, bewusstlos und dem Tod doch recht nah.
„KAMMERFLIMMERN!“, schrie der Notarzt plötzlich, sodass Bela erschrocken zusammenzuckte. Er beobachtete, wie der Mann in der roten Uniform den Defibrillator nahm und ihn auf Farins Brustkorb setzte.
„Weg und Schuss!“, schrie er. Kurz darauf zuckte der Körper unter den elektrischen Stößen zusammen.
„Noch einmal!“, kam es energisch zurück und wieder bebte der Körper.
„Ok, wir haben ihn wieder.“, schnell legten sie ihn auf eine Trage und fuhren Farin zu dem Krankenwagen, der ihn unter dem Einsatz der Sirene schnell in ein Krankenhaus brachte. Der zweite Sanitäter blieb vor Ort und räumte die verwendeten Materialien weg.
„Was ist mit ihm?“, fragte Bela leise.
„Wir gehen stark davon aus, dass er einen Herzinfarkt erlitten hat.“, der Mann schaute Bela traurig an, „Aber wir waren ja noch rechtzeitig vor Ort. Das wird schon wieder. Machen Sie sich mal keine Sorgen. Er ist jetzt in professioneller Behandlung.“, der Mann klopfte Bela aufmunternd auf die Schulter und verschwand genauso leise, wie er gekommen war.
„Herzinfarkt.“, wiederholte Bela tonlos. Das konnte doch nicht wahr sein.
Auch ihr Manger hatte mittlerweile von dem Vorfall gehört und fuhr eilig in das Krankenhaus. Als Manager war es so etwas wie ein Angehöriger und durfte im Krankheitsfall vom Krankenhaus jegliches Detail erfahren. Axel raste ohne auf die Straße zu achten und stürmte genauso schnell zur Rezeption.
„Ich … wo ist Jan Vetter?“, fragte er atemlos.
„Herr Vetter wurde vor wenigen Minuten eingeliefert und befindet sich noch im Untersuchungsraum, aber warten Sie doch bitte in der dritten Etage. Ein Arzt wird Ihnen dann genaueres mitteilen.“, sagte sie freundlich.
Axel stürmte zum Aufzug und drückte die drei auf den Tasten. Ein leises Ping verdeutlichte ihm, dass er angekommen war. Sofort eilte er einen Gang entlang bis er die Aufschrift „Warteraum“ las. Dort kehrte er ein und setzte sich nieder. Außer ihm war niemand dort.
Nervös schaute er immer und immer wieder auf die Uhr. Die Zeit verstrich quälend langsam. Mittlerweile ging er im Zimmer auf und ab, als sich endlich die Tür öffnete.
„Guten Tag, mein Name ist Doktor Hoffe.“
Axel schüttelte ihm die Hand, ehe er unsicher fragte:
„Wie geht es Jan?“
„Herr Vetter hatte großes Glück, dass vor Ort ein Arzt war. Dieser hatte sofort richtig reagiert und eine Reperfusionstherapie gestartet.“
Axel legte die Stirn in Falten. Was hatte der Arzt gemacht?
„Das bedeutet, dass er ihm intravenös ein gerinnselauflösendes Mittel gespritzt hatte. Dadurch stieg die Chance, dass Herr Vetter überlebt auf das Dreifache an. Zurzeit liegt er auf der Intensivstation, aber seine Chancen wieder ganz gesund zu werden liegen bei über 80 Prozent.“
„Aber warum liegt er dann auf der Intensivstation?“, fragte der Mann verwirrt.
„Infarktpatienten werden wegen möglicher Herzrhythmusstörungen in der Akutphase auf einer Intensiv- oder Überwachungsstation behandelt, wo eine kontinuierliche EKG-Überwachung möglich ist.“, erklärte der Arzt ruhig, „Aber machen Sie sich keine Sorgen. Bei einem unkomplizierten Verlauf könnte Herr Vetter vielleicht sogar morgen wieder Schritt für Schritt mobilisiert und nach fünf bis acht Tagen entlassen werden.“
Axel nickte leicht.
„Ok.“
„Ja, kommen Sie am besten Morgen wieder. Wir rufen Sie an, wenn sich etwas an seinem Zustand ändern sollte, aber zurzeit schläft er eh.“
„Gut, also dann bis morgen.“, Axel verabschiedete sich wieder und fuhr deutlich langsamer zurück zu den anderen, die gespannt auf ihn warteten.
Unter ihnen sogar Bela und Rod.
„Was hat er? Wie geht es ihm?“, kam es aus allen Ecken.
„Er wird es schaffen. Es war ein Herzinfarkt, aber dank des schnellen Einsatzes des Arztes wird alles wieder gut.“, erschöpft setzte sich der Mann auf eine Bank.
„Nur für heute können wir nichts mehr tun. Er braucht Ruhe und Schlaf. Ich werd morgen nochmal hingehen.“
Die Crew-Mitglieder nickten. Immer noch herrschte eine Stimmung, die einer Beerdigung glich.
„Kopf hoch, es wird schon.“, versuchte es der Manager noch einmal, ehe er sich zurückzog.
„Wie konnte das passieren?“, fragten einige.
„Keine Ahnung.“, hörte Bela als Antwort und er wusste, sie war falsch, denn er war eindeutig Schuld daran, dass Farin jetzt im Krankenhaus lag. Hätte er ihn noch so geärgert und provoziert, dann hätte dieser sich nicht aufregen müssen und wäre nicht zusammen gebrochen.
„Ach scheiße!“; rief Bela und begab sich postwendend zur nächsten Bar.
Rodrigo, der dies beobachtet hatte, folgte ihm unauffällig. Er wusste nicht warum er dem Drummer folgte, aber irgendwie ahnte er, dass dieser  sich wohl hemmungslos besaufen würde und er würde Recht behalten. Denn kaum war Bela in der Bar, bestellte er zwei doppelte Whiskeys, die er ohne Scheu nacheinander hinunter kippte. Er schüttelte sich kurz und bestellte dann noch einmal das gleiche. Rod beobachtete ihn noch eine Weile, ehe er sich zu ihm an die Bar setzte.
„Klappt wohl nicht so ganz die Schuldgefühle zu ertränken, wie?“, fragte er trocken und nippte an seinem Glas.
„Ach halt die Fresse, Rod!“, erwiderte der Drummer ungehalten und kippte sich das nächste Glas hinab.
„Immer noch der Gleiche, was?  Nichts gelernt hat er, der Bela B.“ Rodrigo schüttelte den Kopf und bestellte auch sich einen zweiten Drink. Es sollte nicht der letzte an diesem Abend sein.

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