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Du bist nicht allein

Inhaltsangabe

Genre:   Krimi (P12)
Rubrik: Farin Urlaub
Status: fertig

Inhalt:
Nach der Bandpause kommen die drei Musiker wieder zusammen. Sie wollen endlich durchstarten, gäbe es da nicht diesen kleinen Zwischenfall, der alles ins Wanken bringt ...

1. Kapitel

Lange stand Farin am Fenster, wo er das wilde Treiben der Blätter im kalten Herbstwind beobachtete. Es schien wirklich kalt zu sein. Dabei war es doch gerade erst Oktober geworden. Farin seufzte und löste seinen Blick von dem Naturschauspiel. Oktober, nur noch zwei Wochen und er könnte endlich verreisen. Denn dieses Mal hatte er Bela versprochen zu bleiben, damit sie endlich alle gemeinsam seinen Geburtstag feiern können. Genauso wie sie es schon vor 20 Jahren gemacht hatten.
Leise seufzte der blonde Mann als er an seinen Geburtstag dachte. Eigentlich hatte er gar keine Lust darauf, die Tatsache zu feiern, dass er schon wieder älter wird, aber Bela konnte er diese Bitte einfach nicht abschlagen. Nicht, nachdem er es ihm schon zehn Mal ausgeschlagen hatte.  
Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht, als er an Belas flehenden Blick dachte. Wie ein kleines Kind, das unbedingt die Schokolade wollte.
Genau deswegen konnte er ihm nicht widerstehen und so sagte er dieses Mal zu. Aber nur unter der Bedingung, dass er danach den kalten Wintermonaten entfliehen durfte, in dem er nach Indien reiste. Unter Murren hatte Bela zugestimmt, auch wenn dies bedeutete, dass Farin wieder ein Mal nicht zu seinem Geburtstag da war.
Doch damit hatte Bela schon gerechnet und so war er froh darüber, dass er den Blonden wenigstens dazu überreden konnte, einen der beiden Geburtstage in Deutschland zu verbringen.
Das Pfeifen des Teekessels riss Farin vollkommen aus seinen Gedanken und so trottete er langsam in seine Küche, nahm die Kanne mit dem heißen Wasser von der Herdplatte und goss er sich in eine Tasse, wo schon ein Teebeutel drin hing.
Damit ging er wieder in sein Wohnzimmer, wo er sich auf sein champagnerfarbenes Sofa fallen ließ und in Ruhe seinen Tee trank.
Ruhe. Genau das, was Farin manchmal einfach brauchte. Ruhe und etwas Zeit für sich, bevor wieder der ganze Trubel wieder von neuem anfing. Denn bald würde ein neue Ärzte Album erscheinen und das hieß natürlich, neben einer Tour, dass sie viele Promo – Termine wahrnehmen mussten und das wiederum hieß Stress.
So genoss Farin noch einmal die Einsamkeit auf seinem Sofa. Die Tasse Tee war mittlerweile geleert und der blonde Hüne widmete sich einem Buch mit voller Leidenschaft.
So vergingen die Stunden rasend schnell und eh er sich versah, war die Nacht herein gebrochen. Doch das störte ihn nicht. Von ihm aus könnte die Welt nebenbei untergehen, er würde es nicht merken. So sehr war er in sein neues Buch vertieft. Die Augen huschten immer schneller über die Seiten, während er gespannt auf seiner Unterlippe kaute. Ja, dieses Buch war wirklich gut und hatte ihn nun vollkommen gefangen. Jede Seite verschlang er in einer rasenden Geschwindigkeit bis ein schrilles Klingeln alles Zerstörte. Zuerst wollte Farin das Klingeln ignorieren, doch wer auch immer vor seiner Tür stand, hatte eine unglaubliche Geduld und Penetrants, sodass er sich gezwungen fand aufzustehen. Doch nicht ohne die Seite zu Ende zu lesen. Mit dem Buch in der Hand und den Augen auf den Text gerichtet, machte sich Farin also auf die Tür zu öffnen, denn den Weg kannte er auswendig. Immerhin wohnte er schon seit zehn Jahren in diesem Haus.
Als der letzte Satz auf der Seite gelesen war, riss Farin leicht genervt die Tür auf, wo er zu seiner Überraschung einen durchnässten Drummer vorfand.
„Hi Bela.“, begrüßte Farin seinen Freund nun ein wenig besser gelaunt.
„Hey Jan. Kann ich reinkommen?“, fragte der kleinere verlegen. Farin nickte und trat zu Seite, sodass der Weg in die Wohnung frei war.
„Ich wusste gar nicht, dass er geregnet hat.“, stellte Farin fest, nachdem er Bela beobachtete, wie dieser seine nasse Jacke anhing.
„Du hättest ja nicht einmal gemerkt, wenn dein Haus abgebrannt wäre.“, der Drummer lachte und schaute dabei wissend auf das Buch.
„Ja, ok.“, nun lachte auch Farin und trotzdem war die Stimmung irgendwie angespannt, denn immerhin hatten sich die beiden seit sie das Album aufgenommen hatten nicht mehr gesehen und das wiederum war nun auch schon wieder ein halbes Jahr her. Wie doch die Zeit vergeht.
Unschlüssig bat er Bela in sein Wohnzimmer, bevor er selbst noch schnell einen Tee aufsetzte.
„Warum bist du eigentlich hergekommen?“, fragte Farin nun endlich, als er ihm die Teetasse und ein Handtuch überreichte, denn immerhin sollten sie sich morgen das erste Mal nach langer Zeit bei einem Interview sehen.
„Danke.“, Bela nahm das Handtuch, trocknete erst sein Gesicht ab und rubbelte sich dann die Haare trocken.
„Ich weiß auch nicht. Irgendwie konnt ich nicht schlafen. Dann bin ich eben ein wenig raus gegangen und plötzlich stand ich vor deinem Haus.“ Bela lachte leise auf, „Und da bei dir noch Licht brannte, dachte ich, ich könnt ja mal klingeln.“
Farin runzelte die Stirn und legte nun endlich sein Buch aus der Hand.
„Kann es sein, dass du nervös bist?“, fragte er nach Minuten des Schweigens, wobei ein wissendes Lächeln sein Gesicht umspielte.
„Ich? Ach quatsch.“, Bela schüttelte sofort seinen Kopf und nahm dann Farins Buch in seine Hand.
„Worum geht es denn hier?“, fragte er interessiert, während er gleichzeitig den Rücken studierte.
„Felse, jetzt lenk nicht ab. Du bist nervös und zwar ganz schön mein Lieber.“, Farin nahm ihm das Buch aus der Hand und legte es kraftvoll auf seinen Wohnzimmertisch.
„Ok, ok, du hast ja Recht.“, gab Bela schließlich kleinlaut zu.
„Bist du denn gar nicht nervös? Ich meine, wir melden uns nach vier Jahren einfach zurück. Was ist, wenn wir gar keine Fans mehr haben und das Album total floppt, dann war doch alles umsonst.“, leicht verzweifelt schaute er in die braungrünen Augen seines Gegenübers.
„Ach Bela, dann haben wir es wenigstens probiert und so lange wir dabei Spaß haben, ist doch alles in Ordnung. Außerdem fand ich es einfach schön mit euch wieder einmal zu arbeiten und ich glaube, diesen Spaß merken auch die Fans.“, Farin klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter, bevor er fortfuhr, „Außerdem rühren wird doch morgen  die Werbetrommel. Danach will jeder das Album kaufen und wenn ihnen die Lieder nicht gefallen, dann sieht es immer noch gut aus.“, Farin lachte herzhaft als er den skeptische Blick von Bela sah.
„Ach deswegen wolltest du einen Pizzakarton als Verpackung. Unglaublich, der Herr Urlaub.“, endlich konnte auch Bela lachen, sodass ein wenig der Anspannung von ihm abfiel.
Die beiden Freunde redeten noch eine Weile und langsam stellte sich wieder die alte Vertrautheit ein.
„Bis Morgen dann.“, sagte Farin als er Bela verabschiedete.
„Danke.“, erwiderte der Kleiner und umarmte seinen Freund zum Abschied. Wie lange hatte er das nicht mehr gemacht?
„Du weißt doch, ich bin immer für dich da.“, hörte Bela die sanfte Stimme seines Freundes in seinem Ohr.
„Ok, bis dann. Ciao.“, der Drummer lächelte ein wenig verlegen und verschwand dann in der Dunkelheit.
Farin stand in seinem Türrahmen und winkte ihm hinterher bis er nichts mehr von ihm erkennen konnte. Er wollte gerade die Tür schließen als er einen Schatten über die Straßen rennen sah. Doch als er noch einmal schaute, sah er nichts.
„Ich bin wohl einfach müde.“, nuschelte Farin leise, während er sich mit der rechten Hand die Augen rieb und in seiner Wohnung verschwand.

2. Kapitel

Pünktlich um sieben Uhr am frühen Morgen klingelte der Wecker und riss einen übermüdeten Farin aus seinem Schlaf. Schlaff richtete er sich auf und starrte einige Minuten ins Leere. Belas später Besuch hatte ihn noch lange beschäftigt und so hatte er nur wenige Stunden geschlafen. Aber da musste er jetzt durch. Langsam schlürfte er in sein Badezimmer, wusch sich das Gesicht, putzte sich die Zähne und erledigte seine Morgentoilette, bevor er in die Küche ging und dort ein Müsli mit Milch aß. Nachdem er die Schüssel wieder abgewaschen hatte, war es auch schon Zeit loszugehen, da er sich mit Bela und Rod sowie dem Manager erst einmal im Proberaum treffen wollte, damit sie dann gemeinsam zum Studio fahren konnten.
Mit letzten Handgriffen zog er sich die Jacke an und  schnappte sich seinen Schlüssel, bevor er die Haustür abschloss und endlich zum Bus gehen konnte. Das Studio lag nur zwei Busstationen entfernt, sodass es umweltfreundlicher war als das Auto zu nehmen.
Kaum war er aus dem Bus gestiegen, sah er schon das vertraute Gebäude. Sofort umspielt ein breites Grinsen sein Gesicht. Er liebte diesen Ort einfach. Wie viel Musikgeschichte hatten sie da schon fabriziert? Wie viele Stunden seines Lebens hatte er da verbracht und trotzdem keine einzige davon bereut?
Natürlich gab es auch schwere Stunden in diesem Raum. Dort hatte er nämlich auch Bela und Rod das letzte Mal gemeinsam gesehen. Kurz bevor sie sich entschlossen hatten die Bandpause einzulegen, die dann überraschenderweise vier Jahre dauerte. Am Anfang hätte Farin sogar schwören können, dass es die Ärzte nie wieder geben sollte, aber jetzt war er froh, dass sie sich langsam wieder annäherten.
Zwar hatte er die vier Jahre damit verbracht durch fremde Länder zu reisen und sich konkreter um sein Soloprojekt zu kümmern, aber dennoch verspürte er einen immer stärkeren Schmerz, der nach Sehnsucht klang, wenn er an Bela und Rodrigo dachte. Sein Leben war ohne diese beiden Chaoten einfach nicht vollkommen.
Ein letztes Mal atmete Farin die frische Morgenluft ein, bevor er die kühle Klinke in die Hand nahm ein eintrat. Er war nicht überrascht darüber, dass es noch vollkommen ruhig war. Nein, er war erst überrascht als er ihren Manager auf dem kleinen roten Sofa sitzen sah. Gedankenversunken starrte dieser aus dem Fenster. Er hatte Farins Anwesenheit noch gar nicht bemerkt und so hatte dieser einige Sekunden, um seinen alten Freund zu studieren. Axel hatte er jetzt sein vier Jahren nicht mehr gesehen. Flüchtig erinnerte sich Farin daran, dass sie ein oder zwei Mal kurz telefoniert hatten, aber danach herrschte Funkstille.
Jetzt, wo er ihn so gedankenversunken von der Seite betrachtete, konnte Farin einige neue Falten am Rande der Augen aus machen. Auch am Bauch schien er fülliger geworden zu sein. Farin hätte sogar vermutet, dass sein Freund mittlerweile einige graue Haare gehabt hätte, würde er diese nicht sowieso immer extrem kurz tragen.
„Es sieht alt aus.“, kam es sofort in Farins Gedanken und er fragte sich, ob er genauso auf andere wirkte. Plötzlich spürte auch er die leichte Panik vor dem Comeback. Genau wie Bela sie am vorigen Abend spürte. Was, wenn sie wirklich zu alt waren und das Bühnenleben nur noch eine peinliche Farce war?
Doch lange quälten ihn die Selbstzweifel nicht. Denn wenn sich Farin Urlaub einmal für etwas entschieden hatte, dann stand er auch dazu.
Endlich konnte er sich wieder in Bewegung setzten und ging mit großen Schritten auf seinen Freund zu.
„Hey Axel.“, begrüßte er ihn freundschaftlich. Der Angesprochen zuckte überrascht zusammen, doch als er Farin erkannte, lächelte auch er ihm entgegen.
„Jan, schön dich zu sehen. Wie geht es dir? Wir haben uns im Studio ja leider immer verpasst.“, Er lachte laut, aber ehrlich und umarmte den blonden Gitarristen.
„Alles bestens und bei dir? Wie ich sehe, geht’s dir wohl nicht schlecht.“, mit einem breiten Grinsen deutete er auf den Bauchansatz, der auch im Stehen mehr als deutlich zu erkennen war.
„Tja, was soll ich sagen.“, Axel wurde ein bisschen rot, „Ich hab jetzt ne Frau gefunden, die es tatsächlich schon zwei Jahre bei mir aushält und sehr gut kochen kann.“
Die beiden Freunde lachten als sich die Tür wieder öffnete und ein weiterer Mann den Raum betrat.
„ROD!“, rief Farin erfreut aus und stürmte auf den Chilenen zu. Völlig überrumpelt ließ er sich von dem Großen umarmen.
„Ach Jan, schön dich zu sehen.“, Farin nickte, wobei er über beide Ohren strahlte.
„Ich hab dich echt vermisst.“
„Ich dich auch.“, sie schauten sich kurz in die Augen, die vor Freude und Glückseligkeit zu strahlen schienen. Alles war ganz genauso wie am Anfang ihrer Karriere. Sie liebten sich und sie liebten ihre Musik. Das wusste alles beteiligten.
„Ist Bela noch nicht da?“, fragte Rod schließlich und schaute sich im Raum um.
„Nee, du kennst doch Felse. Immer auf den letzten Drücker und meistens doch zu spät.“
Wieder lachten alle. Vor vier Jahren wäre Farin wütend aus dem Studio gestürmt, weil er anfing einige Angewohnheiten seiner besten Freunde zu hassen. Darunter Belas ständiges zu spät kommen, Rodrigos unbeirrtes heraushalten und Axels schlaue Tipps wie ihre Musik noch besser klingen würde, aber jetzt, jetzt waren genau diese Angewohnheiten eine Art Bestätigung dafür, dass er sie brauchte. Dass er Menschen um sich herum brauchte, die er kannte und auf die er sich verlassen konnte.
„Hallo Jungs!“, endlich gesellte sich auch Bela zu der kleinen Truppe.
„Wie ich sehe, habt ihr Spaß!“, er umarmte alle zur Begrüßung, bevor er sich neben Farin stellte und dann war es für einen Moment völlig ruhig, den Farin dazu nutzte nun auch Rod und Bela zu studieren.
Rod trug seine Haare ein wenig kürzer als früher, dennoch waren sie noch lang genug, dass sie locker in sein Gesicht fielen. Wie immer trug er einen Anzug, der perfekt für ihn gemacht war. Er umspielte seine Figur, wobei das schwarz ihm eine weitere elegante Note verlieh. Das altbekannte Gesicht seines Freundes hatte sich kaum verändert. Rod blieb wohl einfach jung.
Farins Augen huschten weiter und sahen direkt in die strahlend grünen Augen von Bela. Ja, seine Augen strahlten wieder und das ließ auch Farin strahlen. Wenn er an die letzten Monate vor der Pause dachte, dann sah er einen Bela, dessen Augen nicht mehr strahlten und wenn, dann nur aus Hass und Frustration. Doch jetzt wirkte seine ganze Körperhaltung entspannt und glücklich.
Die Haare hatte er wieder einmal schwarz gefärbt.
„Fast so wie früher.“, kam es Farin in den Sinn, doch jetzt waren diese kurz und ähnelten ihre Lage und Form eher Rodrigos und trotzdem sahen sie bei Bela irgendwie anders auch. Farin wusste nicht so recht, was der Unterschied war, als ihm ein anderes Detail ins Auge sprang.
Hatte Bela diesen kleinen Oberlippenbart auch schon gestern? Wenn nicht, dann hatte er einen Bartwuchs, um den ihn Farin nicht beneidete.
„Was ist denn?“, riss Belas Stimme ihn aus seinen Gedanken.
„Der Bart steht dir. Macht dich irgendwie reifer.“, stellte Farin aufrichtig fest. Beinahe beneidete er seine Freunde darum, dass sie sich verändert hatten, während er immer noch dieselbe Frisur und die gleichen Klamotten trug.
„Hey Jungs, es wird Zeit, dass wir losfahren.“, Axel hatte das Wort ergriffen und führte die drei zu einem Auto, mit dem sie nach der freudigen Begrüßung ins Studio fuhren. Auch im Auto hatten Bela, Farin, Rod und Axel riesen Spaß, sodass sie nicht bemerkten, wie ein schwarzer BMW ihnen bis zum Studio folgte.

3. Kapitel

„So, jeder von euch hat einen eigenen Backstageraum, wo dann noch ein Visagist vorbei kommen wird, wegen dem Make up.“, erzählte Axel vergnügt, wobei die Musiker sofort das Gesicht verzogen.
„Wie habe ich das Puder in meinem Gesicht vermisst.“, sagte Farin sarkastisch.
„Hey, immerhin kann man dann deine Falten wegschminken.“, lachte Bela.
„Dankeschön.“, leicht knuffte Farin ihm als Antwort in die Seite, worauf Bela nur noch die Zunge heraus steckte.
„Ok, also das Interview beginnt dann in zwei Stunden und Jungs,“, Axel stockte kurz und schaute jedem tief in die Augen, „,dass ist eine LIVE-Show, bitte benehmt euch.“, lachend ließ er die drei zurück, um noch letzte Kleinigkeiten mit dem Filmteam zu besprechen.
Währenddessen gingen die drei in ihre Räume, da nun auch das Visagisten-Team eingetroffen ist.
„An meine Haare kommt ihr aber nicht.“, hörte Farin Bela noch mosern, bevor er in seinem Raum verschwand. Dort setzte er sich auf seinen Stuhl und wartete. Entspannt schloss er die Augen und genoss noch einmal die Ruhe. Seine Lider wurden immer schwere bis ihn ein fremdes Geräusch aufschrecken ließ. Hatte er gerade eine Tür gehört? Verwirrt schaute er sich um, doch hier war niemand. Dennoch spürte er wie sein Herz zu rasen begann und seine Hände schweißnass wurden.
„Ein Tee wäre jetzt schön.“, dachte er sich. Tief atmete Farin ein, um sich zu beruhigen als er einen Schatten vor seiner Tür sah. Der kleine Spalt zwischen Tür und Boden war frei, sodass Licht von draußen eindringe konnte, doch jetzt waren da immer wieder Schatten. Ein wenig verunsichert stand Farin auf, schlich sich zu der Tür und riss sie mit einem Ruck auf. Doch da war niemand. So sehr sich Farin auch bemühte etwas zu entdecken, der Lange Gang blieb leer. Einzig allein Belas lachen war kurz zu hören, der sich wohl gerade mit der netten Visagistin unterhielt.
„Ich bin wohl echt zu müde.“, lautlos schloss der blonde Mann die Tür wieder, bevor er sich auf seinen Stuhl setzte und sich versuchte zu entspannen.
Doch auch wenn er jetzt äußerlich ruhig wirkte, herrschte innerlich eine Anspannung, die er nicht unter Kontrolle brachte. Farin versuchte es gerade mit einer Art der Meditation, die er in einem fremden Land gelernt hatte, als die Tür aufgerissen wurde. Sofort zuckte er zusammen, wobei er sich gleichzeitig schnell zur Tür drehte und sogar fast vom Stuhl gefallen wäre.
„Hey.“, begrüßte ihn die nette Visagistin.
„Hi.“, erwiderte Farin atemlos. Sein Herz raste immer noch, doch er versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Das alles war ihm nun furchtbar peinlich, denn seit wann war er denn so schreckhaft?
Die junge Frau fing gleich an, sein Gesicht zu pudern und die Haare zu stylen, wobei sie ihn nach kürzester Zeit in ein Gespräch verwickelte.
Farin entspannte sich endlich und konnte sogar wieder lachen.
„Na, endlich fertig?“, hörte er Belas Stimme.
„Noch fünf Minuten.“, antwortete die junge Frau für ihn und lachte.
„Früher ging das aber schneller.“, stellte Bela belustigt fest.
„Ey, ich wäre ja schon fertig, hättest du nicht so lange davor geflirtet.“, erwiderte Farin lachend. Augenblicklich lief die junge Frau rot an, während Bela nur lachte.
„Schon gut, schon gut.“, beschwichtigend hob er die Hände und grinste seinen Freund weiterhin an.
„Ich freu mich echt drauf.“, sagte er nach einer Weile.
„Ich auch, Bela. Ich auch.“
Die beiden Freunde redeten noch eine Weile bis Farin endlich fertig war und sie nun zu Rodrigo ging.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Farin. Bela dachte einen Moment nach, bevor er vergnügt die Augenbrauen hob.
„Ich hab da ne Idee. Komm mal mit.“, er schnappte sich Farins Hand und zog ihn hinter sich her bis sie in einen kleinen Warteraum kamen, in dem neben einigen Sitzgelegenheiten ein Kicker stand.
„Haste bock?“, fragte der Kleiner. Farin nickte begeistert und so spielten sie die restliche Zeit Tischfußball.
„Gewonnen!“, schrie Bela vergnügt als das letzte Tor gefallen war.
„Ja, Meister des Balles. Wie konnte ich denken, dass ich eine Chance gegen Sie hätte.“, Farin verbeugte sich vor ihm, bevor er laut los lachte.
„Idiot.“, lachte Bela und schubste ihn leicht von sich weg.
„Komm, lass uns nach Rodrigo gucken. Nicht, dass der noch mit der heißen Schnecke durchbrennt.“
Farin schüttelte Vergnügt den Kopf. Wie sehr hatte er die Leichtigkeit im Umgang mit seinen Freunden vermisst.
„Da ist er ja. Der Rod. Na alles frisch?“, fragte Bela den Bassisten, der gerade aufstand und sein Jackett gerade strich.
„Klar, alles sauber.“, sie lachten und unterhielten sich gerade entspannt als Axel herein kam.
„Da seid ihr ja. Man, ich such euch schon seit zehn Minuten. Die Show beginnt gleich. Kommt los, ich stell euch noch eben schnell die Moderatorin vor.“
Die Jungs folgten dem gestressten Manager und kamen schnell in einen kleinen Raum, in dem neben dutzenden von Kameras ein kleines blaues Sofa, ein passender Sessel, ein Tisch, ein Regal voller CDs und eine Stehlampe stand. Dieser Raum sollte wohl ein Jungendzimmer imitieren, um so die Zuschauer besser anzusprechen. Farin empfand es zwar als lächerlich, aber er musste ja nicht hier wohnen, sonder nur ein Interview überstehen und langsam wurde er echt nervös. Ein Blick nach links, in die Gesichter von Rod und Bela, verriet ihm, dass es ihnen nicht anders ging und das beruhigte ihn wiederum.
„Wir schaffen das schon.“, sagte er aufbauend.
„Klar, immerhin sind wir die Ärzte, die beste Band der Welt.“
„Hey Jungs, hört mir mal zu. Das hier ist Jess, die Moderatorin.“, sie lächelte ihm freundlich und aufgeschlossene entgegen.
„Das ist Farin, hier Rod und der nette Herr neben dir ist Bela.“, sie schüttelten ihre Hände und redeten noch ein bisschen belangloses Zeug bis die Show begann und sie sich auf ihre Plätze setzen mussten.
„Hallo liebe Zuschauer da draußen. Wir haben heute ganz besondere Gäste, denn nach vier Jahren der Abwesenheit sind sie wieder da, DIE ÄRZTE!“, begrüßte Jess die Zuschauer vor den Bildschirmen.
„Jungs, jetzt sagt mal, warum wart ihr so lange weg? Was habt ihr gemacht? Und viel wichtiger, wie geht es weiter?“ fragte sie sofort drauflos.
Bela begann mit einer ausschweifenden Antwort, während Farins Aufmerksamkeit etwas anderem galt, denn diesmal hatte er zu dem merkwürdigen Schatten einer Person entdecken können. Sie stand für einen Bruchteil im Türrahmen, aber als er wieder hinsah, war sie weg. Ein Mitarbeiter konnte es nicht gewesen sein, denn diese waren alle damit beschäftigt die Show aufzuzeichnen und dafür zu sorgen, dass alles glatt lief.
„Erde an Farin.“, Belas Hand wedelte vor dessen Gesicht und holte ihn somit zurück in das Hier und Jetzt.
„Was? Oh Entschuldigung, wie war die Frage?“, Farin setzte sein charmantestes Lachen auf und hörte der Frage erneut zu, die er diesmal sogar beantworten konnte.
„Ja, die Platte liegt uns sehr am Herzen. Ich finde, dass wir uns wirklich weiter entwickelt haben und das ist etwas, worauf jede Band stolz sein kann. Nichts ist schlimmer als Stagnation im eigenem kreativen Schaffen.“
Farin redete nun munter drauflos und verschaffte sich somit die ungeteilte Aufmerksamkeit, sodass niemand bemerkte, wie das Regal hinter ihm langsam aber sicher ins Schwanken geriet.
„Farin, welches ist dein Lieblingslied auf der Platte?“ fragte Jess, wobei sie wirklich interessiert klang.
„Mmh, dass kann ich nicht so richtig beantworten. Wenn ich jetzt eins nennen würde, dann würde ich die anderen ja schlechter werten und das haben sie nicht verdient. Natürlich habe ich Lieder, die ich präferiere, aber die werde ich jetzt nicht  …
Bevor Farin seinen Satz beenden konnte, war das Unglück geschehen. Der Schrank war mit einem lauten Krach nach Vorne gekippt.

4. Kapitel

Für einen Moment war es vollkommen ruhig in dem Studio. Jeder brauchte einige Sekunden, um das Geschehnis zu realisieren.
„Jan? Alles in Ordnung?“, fragte Bela mit trockener Stimme. Dieser hatte im letzten Moment aus dem Augenwinkel die Bewegung des Schranks gesehen und Farin nach vorne geschubst. Zwar knallte der Schrank nur gegen das Sofa und blieb dann stehen, aber der Inhalt ergoss sich über den ahnungslosen Gitarristen. Hätte ihn Bela nicht nach vorne gedrückt, dann wäre der Schrank gegen seinen Kopf geschlagen und hätte ihn schwer verletzen können.
„Ähm, ja. Geht schon.“, sagte Farin, der sich immer noch verwirrt umschaute und aschfahl im Gesicht war. Die CDs lagen teilweise auf seinem Schoß und auf dem Boden.
„Hier trink etwas. Du bist total blass.“, sagte Bela und drückte dem geschockten Gitarristen ein Glas Wasser in die Hand.
Das Interview wurde augenblicklich unterbrochen und irgendein fertiger Film wurde für die Zuschauer vor dem Bildschirm eingespielt, während im Studio nun helle Aufruhr herrschte.
„Oh mein Gott, das tut uns alles so furchtbar Leid. Geht es dir gut?“, meldete sich nun auch Jess zu Wort.
„Ja, geht schon.“, Farin seufzte und fuhr sich mit zitternder Hand durch die Haare.
Bela schaute besorgt zu seinem Freund als auch endlich Axel ins Studio kam.
„Oh fuck, Jan? Geht’s dir gut?“, fragte nun auch dieser. Der Manager saß nämlich beim Direktor und überprüfte von dort aus das Interview und die Bilder, welcher der Fernsehzuschauer sah.
„Ja, Axel. Es geht schon.“, wiederholte sich Farin.
„Ok, aber wir brechen das Interview jetzt ab. Heute wird das nichts mehr. Aber kann mir eigentlich mal jemand erklären, wie das passieren konnte?“, wütend schaute er sich nun um, doch ihm entgegen blickten nur ratlose Gesichter.
„Es tut uns wirklich Leid. Das ist wirklich unerklärlich.“, sagte der Aufnahmeleiter.
Axel verzog daraufhin sein Gesicht.
„Wir gehen jetzt erst einmal, aber das wird noch ein Nachspiel haben. Ts, beinahe den Gitarristen erschlagen. Ich fass es nicht.“, aufgebracht wies er die Jungs an, ihm zum Auto zu folgen. Farin stand mit zittrigen Knien auf und lief wortlos neben Bela und Rod, die ihn immer noch kritisch beäugten, zum Wagen.
„Geht’s dir wirklich gut?“, fragte Bela nun schon zum tausendsten Mal als sie nach Hause fuhren.
„Ja, ich hab nur ein bisschen Kopfschmerzen durch die vielen CDs, die ganz schön spitze Kanten haben.“, Farin versuchte bei den Worten zu lächeln, auch wenn es eher nach einer Fratze aus sah. Bela nickte verstehend und dann war es ruhig im Wagen. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach bis Bela anfing zu fluchen.
„Verdammt, dass sollte unser erster Auftritt nach all den Jahren sein und dann passiert sowas. Ich meine, das ist vielleicht ein Zeichen und wir sollen uns gar nicht wiedervereinen.
„Jetzt red doch nicht so nen Müll.“, mischte sich nun Rod ein, „Das war alles Zufall und wir sollten einfach froh sein, dass nichts schlimmeres passiert ist. Ok?“, ein wenig genervt drehte sich der Chilene wieder zum Fenster und schaute hinaus. Die restliche Fahrt verlief damit, dass Bela weiter vor sich hin murmelte, Rod aus dem Fenster schaute und Farin sich versuchte zu beruhigen, in dem er die Augen schloss und die nun ruhige Fahrt genoss.
„Hey Jan, wir sind da.“, holte ihn Belas Stimme zurück in die Realität.
Eigentlich wäre Farin gerne noch sitzen geblieben, aber da er den auffordernden Blick auf sich spürte, öffnete er die Augen und grinste Bela leicht entgegen.
„Ah, bei mir zuhause. Das ist aber nett von dir, Axel.“, der blonde Hüne beugte sich nach vorne und klopfte den angesprochenen auf die Schulter.
„Nichts zu danken. Ich ruf dich dann noch mal an, wenn ich was Neues von denen weiß.“
„Alles klar, Dankeschön.“, Farin stieg gerade aus, als er Belas Hand an seiner spürte.
„Soll ich mitkommen, oder kommst du klar?“, fragte er und schaute Farin dabei mit großen, besorgten Augen an.
„Ich komm klar. Echt. Ich nehm jetzt ne Kopfschmerztablette und leg mich ein bisschen hin und dann ist wieder alles gut. Du musst dir deswegen doch keine Sorgen machen. Wenn du willst, ruf ich dich heut Abend noch einmal an.“
Dann war auch endlich Bela einverstanden und er ließ den Blonden gehen. Dieser winkte noch einmal, bevor das Auto wieder davonfuhr und die anderen nach Hause brachte.
Farin atmete tief ein, drehte sich schließlich um und ging langsam zu seiner Haustür. Als er diese öffnete, lag ein weißer Zettel auf seinem Boden. Unter stöhnen hob er hin auf, da das Bücken für seinen geschundenen Kopf nicht gerade fördernd war. Als Farin wieder gerade stand, faltete er das Stück Papier aus einander und las die aus Zeitungen zusammengeklebten Buchstaben:

Das war erst der Anfang. Ein kleiner Stein, der die Lawine ins Rollen gebracht hat. Pass lieber auf dich auf!

Farin las die Worte immer und immer wieder. Oft hatte er schon Drohmails und auch – briefe bekommen, aber nie ist etwas geschehen. Aber nach dem Tag heute, wusste er nicht mehr, ob das jetzt Zufall war, dass dieser Brief gerade heute vor seiner Tür lag oder ob er lieber die Polizei, oder wenigstens Bela anrufen sollte.
Während Farin nachdachte, spürte er, wie seine Kopfschmerzen immer stärker wurden. Deswegen legte er den Brief in seiner Wohnstube auf dem kleinen Glastisch ab und ging dann in das Badezimmer. Schnell griff er in den weißen Schrank unter dem Waschbecken und holte die Kopfschmertabletten heraus. Er löste eine aus der Verpackung, steckte sie sich in den Mund und spülte mir klarem Leitungswasser nach. Das kühle Nass belebte seine Haut und so tauchte er noch einmal seine Hände unter den Strahl, fing etwas davon auf und bespritzte dann sein ganzes Gesicht damit. Sofort überzog ihn eine Gänsehaut als er die Kälte spürte, aber gleichzeitig belebte sie ihn auch.
Mit einem letzten Blick in den Spiegel verließ er das Badezimmer wieder, um erneut in das Wohnzimmer zu gehen. Er ließ sich auf seine Couch fallen und nahm sich den Brief erneut.
„Wie ernst meinten es diese Leute?“, fragte er sich immer und immer wieder, während seine Augen schwerer wurden und er langsam einschlief. Der Brief glitt aus seiner rechten Hand und flatterte lautlos zu Boden.

5. Kapitel

Die Tablette hatte ihre Wirkung nicht verfehlt und so wachte Farin ohne Kopfschmerzen auf, als er sein Telefon klingeln hörte. Ein wenig müde schlürfte er zu dem störenden Objekt.
„Wer da?“, fragte er leicht genervt in den Hörer.
„Hey Jan, hier ist Bela. Ich dachte, du wolltest heut Abend noch einmal anrufen.“, Bela klang wirklich besorgt. Mit einem schlechten Gewissen drehte sich Farin zur Uhr und musste erkennen, dass es schon nach 22 Uhr war.
„Oh shit, sorry Bela. Ich hab total verpennt.“, um diese Aussage zu unterstützen gähnte er lautstark in das Telefon.
„Ok, ok. Ich versteh schon.“, lachte Bela am anderen Ende der Leitung, „Also geht es dir besser?“
„Ja, alles super. Ich werde mich jetzt noch ein bisschen hinlegen und dann können wir uns morgen wie geplant im Proberaum treffen.“
Die beiden Freunde verabschiedeten sich und müde legte Farin wieder auf. Es war wirklich schon spät und er wollte jetzt am liebsten ins Bett gehen, als er ein Knacken hörte.
„Nicht schon wieder.“, dachte sich Farin ängstlich, drehte sich um und landete direkt in den kräftigen Armen einer schwarzen Gestalt. Er wollte sich wehren, doch es war zwecklos, denn eine Sekunde später spürte er einen gewaltigen Schmerz in seinem Kopf und dann wusste er nichts mehr.
Der bewusstlose Körper wurde von der fremden Gestalt achtlos auf den Boden geschmissen, bevor sich diese umdrehte und zur Tür ging. Dort pfiff der fremde Mann laut zwischen seinen Fingern, woraufhin zwei weitere vermummte Männer kamen und das Bündel namens Farin einfach aus dem Haus trugen, in ein Auto legten und wegfuhren.
Der dritte Mann hingegen blieb im Haus, befreite sein Gesicht von dem ganzen Stoff, fuhr sich einmal durch die blonden Haare, bevor er in die Küche ging und sich einen Tee machte.
Er kannte das Haus gut. Lange hatte er es und auch den Eigentümer beobachtete und heute war es soweit seinen perfiden Plan in die Tat umzusetzen. Alles war bis ins letzte Detail geplant. Nichts hatte er dem Zufall überlassen. Rein gar nichts.
Mit einem breiten Grinsen nahm der Mann die Tasse und ging mit ihr in das Schlafzimmer von Farin, wo er sich niederließ und lauthals anfing zu lachen.
Erst als er sich wieder beruhigt hatte, trank er seinen Tee, strich beinahe liebevoll die Bettdecke zur Seite, legte sich hinein und verfiel bald darauf in einen angenehmen schlaf.

Ein schwarzer BMW fuhr derweilen ungesehen auf ein altes Industriegelände. Dieses Gebiet gehörte zu einer alten Fabrik, die schon seit über fünf Jahren leer stand. Niemand würde vorbei kommen und niemand würde ihn retten können.
Der Wagen hielt in der Dunkelheit vor einem Tor und die beiden vermummten Gestalten stiegen aus. Während sich der eine darum kümmerte, eine der alten Türen zu öffnen, nahm der zweite ein Seil aus dem Kofferraum und band die Hände des immer noch bewusstlosen Farins zusammen, hievte ihn auf seine Schulter und trug ihn in das Gebäude. Der Weg wurde einzig und allein durch einen kleinen Taschenlampenstrahl erhellt. Die Männer nickten sich kurz zu und dann warf der zweite Farin auf den Boden. Dieser wachte durch die plötzliche Erschütterung wieder auf. Immer noch leicht benommen bemerkte der Gitarrist nur eine Gestalt, die seine gefesselten Hände an einer Säule festband.
„Wer bist du?“, fragte Farin mit trockener Stimme. Seine Augen hatten sich noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt und so bemerkte er nur eine Person.
„Dein schlimmster Alptraum.“, flüsterte die Gestalt in sein Ohr, bevor sie verächtlich lachte. Auch die zweite Person konnte sich ein Schnauben nicht verkneifen.
„Was … was wollt ihr von mir? Geld?“, ängstlich hob Farin seinen Kopf und schaute nun abwechselnd von dem einem zum anderen. Plötzlich wurde der Strahl der Taschenlampe genau auf sein Gesicht gerichtet.
Verstört blinzelte Farin dem Licht entgegen.
„Wir…“, sagte eine der Stimme, „Wir wollen nicht dein Geld. Wir wollen dein Leben.“, auf einmal erlosch das Licht der Lampe und die Männer verließen schweigend die Fabrik.
„WAS? HEY, IHR KÖNNT MICH DOCH NICHT ALLEINE LASSEN!“, schrie Farin. Ein letztes Mal hörte er den Wagen vom Gelände fahren und das war es still. Toten still.
„WAS? HILFE! HILFE!“, wie verrückte zerrte Farin an seinen Fesseln, doch er kam nicht frei. Umso stärker er es versuchte, desto höher würde sein Adrenalinspiegel bis er panisch immer und immer wieder um Hilfe schrie. Erst als seine Stimmbänder schmerzten, hörte er auf und sank weinend in sich zusammen.

Die Nacht zog still und schweigend vorüber. Nichts wies auf die schreckliche Tat hin, die sich ereignet hatte.
Im Hause Vetter hingegen regte sich um acht das Leben, denn der fremde Mann wachte auf. Müde, aber glücklich ging er in die Küche und machte sich dort ein Frühstück. Ein kurzer Blick auf den Kalender, der dort an der weißen Wand hang, erinnerte ihn an die Probe heute Nachmittag. Aber er hätte es auch so gewusst, denn dieser Mann wusste alles über Jan Vetter und dessen Freunde.
Mit einem zufriedenen Lächeln ging er wieder in das Schlafzimmer, wo er sich eine schwarze Hose und ein schwarzes Shirt aus dem Schrank nahm und sich diese überzog.
„Wie angegossen.“, stellte er zufrieden fest.
Da es noch früh am Morgen war, streifte er erst einmal durch das Haus und inspizierte jeden Millimeter bis er sich dem Laptop von Farin widmete. Interessiert durchstöberte er die einzelnen Ordner, schaute sich private Fotos an und fand sogar unveröffentlichtes Songmaterial.
So verbrachte er den ganzen Vormittag bis es an der Zeit war, dass er sich zum Proberaum aufmachte. Schnell fuhr er Laptop wieder herunter, nahm sich die Gitarre, die er im Schlafzimmer gefunden hatte und ging dann hinaus. Wie Farin tags zuvor nahm er den Bus und fuhr die zwei Stationen bis zum Proberaum.
Nachdem er die erste Etappe erfolgreich überstanden hatte, kam nun das schwierigsten. Er musste Rodrigo und Bela überzeugen. Ein letztes Mal strich er seine Kleidung gerade und dann trat er ein.
Zuerst konnte er unbemerkt einige Schritte gehen, doch dann drehte sich Bela und und grinste ihn frech an.
„Du bist heut spät, Jan.“, lachte er, bevor er ihn zur Begrüßung umarmte.

6. Kapitel

Mit einem breiten Grinsen erwiderte er die Umarmung des Drummers.
„Ja, sorry, der Bus hatte Verspätung.“, danach begrüßte er auch Rodrigo und zu seinem eigenen Erstaunen hatte sie keinen Verdacht geschöpft.
„Geht’s dir heute besser, ja?“, fragte Bela und der Mann nickte.
„Ja, alles bestens. Keine Kopfschmerzen mehr.“, er grinste breit und packte die Gitarre aus. Nichts, aber auch gar nichts wies daraufhin, dass das nicht Jan Vetter war.
„Ok, dann können wir ja anfangen, denn …“, Bela trommelte nun wild auf seinem Schlagzeug, „In einem Monat gehen wir auf Tour.“
„Ja man, das wird super. Aber nur, wenn wir jetzt üben.“, Rod griff nach seinem Bass und gesellte sich zu Bela.
„Ich denke, wir fangen mit den neuen Liedern an. Oder?“, fragte der Mann, der vollkommen in seiner Rolle als Farin Urlaub aufging.
„Ja, am besten mit „Heulerei. Da vertrommelt sich der Herr Schlagzeuger nämlich immer.“, Rodrigo grinste spitzbübig bei den Worten und zwinkerte dem vermeidlichen Farin glücklich zu.
„Rooood“, sagte Bela gedehnt, „Willst du mich ärgern?“
„Hey Jungs, kommt. Jetzt keinen Streit bitte.“, der blonde Mann lächelte ihnen entgegen und dann ging es auch schon los. Die ersten Töne von „Heulerei“ verliefen super, bis Bela aus dem Takt kam.“
„Ha, ich wusste es doch.“, platzte es aus Rod schadenfroh heraus. Bela hingegen schaute nur böse in seine Richtung, bevor er sie erneut einzählte.
Trotz der kleinen Meinungsverschiedenheiten am Anfang verlief die Probe harmonisch, sodass sie einige Songs wegen Lachanfällen abbrechen mussten.
„Ok, ich denke, dass reicht für heute.“, sagte Rod immer noch lachend.
„Jup, denk ich auch.“, fügte Bela hinzu und legte seine Sticks auf den Boden.
„Jungs, was haltet ihr davon, wenn wir noch was trinken gehen?“, die beiden anderen nickte und so war es schnell beschlossene Sache.
Während sich die drei in einer kleinen Bar amüsierten, saß ein verzweifelter Farin allein in der Fabrikhalle.
Die zwei vermummten Gestalten waren nicht noch einmal gekommen und so blieb Farin allein. Allein mit sich und seinen Gedanken.
Ein Mensch kann drei Tage ohne trinken überleben, das wusste er und genau das machte ihm Angst. Drei Tage … Was waren schon drei Tage, verdammt nochmal?
Nichts und genau das wusste Farin.  Drei Tage waren nichts.
Traurig schaute Farin zu einem der kleinen schmutzigen Fenster, welche sich hoch oben an der Fabrikhalle befanden. Die Sonne schien langsam unterzugehen und das hieß, dass der erste seiner drei Tage vorbei war.
Farin lachte bitter auf. Vielleicht lebte er ja vier Tage und hatte jetzt noch einmal drei. Aber was machte das schon? Wenn Bela und Rod ihn nicht suchen sollten, dann wäre er verloren. Aber wenigstens hatte er noch die Hoffnung, dass seine Freunde ihn vermissen werden. Immerhin waren sie gerade auf Promo-Tour. Sie brauchte ihn.
Von seinen eigenen Gedanken beflügelte, hellte sich Farins Stimmung sofort auf.
„Bela und Rod werden mich finden.“, dachte er euphorisch und schlief danach ruhig ein.
„Sie werden mich retten.“, murmelte er mit heißerer Stimme, bevor die Halle wieder in vollkommener Stille versank.

Wenn er sich da mal nicht täuschte, denn zur gleichen Zeit verabschiedete sich ein blonder Mann von Bela und Rod.
„Ciao, Jungs. Bis Morgen dann!“
„Gute Nacht, Jan!“, sagte Bela noch, bevor er mit Rod die Straßen entlang ging.
Lange schwiegen sie, bis Bela leise das Wort ergriff.
„Rod?“
„Mmh.“, der angesprochene drehte seinen Kopf nach links und schaute den Drummer in die Augen.
„Findest, also findest du auch, dass sich Jan irgendwie seltsam benimmt?“, fragte er unsicher, wobei er nervös mit einem störendem Faden in seiner Jacke spielte.
„Seltsam?“, wiederholte Rod die Frage.
„Ja, ich weiß auch nicht so recht. Irgendwie benimmt es sich anders. Er redet zwar genauso viel wie immer, ist so lustig wie immer, trink, dass was er immer trinkt, aber irgendetwas ist anders. Irgendetwas erscheint mir falsch.“
Plötzlich blieb Rodrigo stehen und stellte sich direkt vor Bela.
„Hauch mich mal an.“, sagte er auffordernd.
„Was?“, verwirrt versuchte er in der Dunkelheit Rods Augen zu erkennen, um aus ihnen abzulesen, ob dies grad ein Scherz sein sollte.
„Du sollst mich mal anhauchen. Ich glaube nämlich, dass du zu viel getrunken hast, mein Lieber.“
„Nein, nicht mehr als sonst auch.“, zischte Bela nun wütend, „Man, dann glaub mir eben nicht.“, wütend stampfte der Drummer weiter in die dunkle Nacht.
„Man Bela, jetzt sei nicht eingeschnappt.“, Rod rannte Bela hinter her bis er ihn eingeholt hatte und wieder normal neben ihm laufen konnte.
„Ok, wenn es nicht Jan ist, wer soll es denn bitte dann sein und warum sieht er dann aus wie Jan, redet wie Jan und ist so groß wie Jan?“, ratterte Rod wahllos einige Beispiele herunter, doch plötzlich blieb Bela stehen.
„Das ist es.“
„Was?“, leicht genervt von dem merkwürdigen Verhalten seines Begleiters strich sich Rod einige Haarsträhnen aus dem Gesicht.
„Das ist das, was mich gestört hat. Die Größe stimmt nicht. Klar, ist er groß, aber nicht so groß wie sonst.“, stellte Bela nun klar. Auf einmal spürte der Kleinere eine warme Hand auf seiner Stirn.
„Also Fieber hast du schon mal nicht.“, sagte Rod und schaute ihn dabei eindringlich an.
„Ey, was soll denn das?“, wütend über das ignorante Verhalten seines Freundes schlug er die Hand von seiner Stirn.
„Bela, willst du mir grade wirklich weiß machen, dass Jan kleiner geworden ist?“, langsam konnte Rod den wirren Worten seines Freundes nicht mehr folgen.
„Nein Rod, ich will dir beweisen, dass das nicht Jan ist.“
„Und das machst du an seiner Größe fest, wobei das Gesicht, das Lachen alles eben wie Jan aussieht?“
Sie gingen weiter durch die dunkle Nacht, wobei Bela nun verlegen seufzte.
„Was?“
„Nun ja, es ist nicht nur das.“, murmelte der Drummer schüchtern, wobei er langsam selber glaubte, dass er bescheuert war.
„Er riecht auch nicht nach Jan. Also schon, ja, das Deo ist das gleiche, aber kennst du das, wenn du eine Person so nahe warst, dass du ihren eigentlichen Geruch kennst?“, erneut entfuhr dem Drummer ein Seufzen, „Jeder Mensch riecht anders. Wir versuchen es zwar immer hinter irgendwelchen chemischen Gerüchen zu verstecken, aber  … man, ich weiß eben wie ein Jan Vetter riecht und der riecht jedenfalls nicht so. Ich … ich spüre einfach nicht diese Vertrautheit, wenn ich ihn in den Arm nehme. Verstehst du mich, Rodrigo?“, Bela blieb stehen und sah Rod eindringlich an. Als dieser den verletzten, sogar leicht verzweifelten Blick in Belas Augen erkannte, wusste er, dass dieser es ernst meinte.
„Gut Bela, ich kann das Ganze zwar nicht so recht glauben, aber ich merke, dass es dich beschäftig und deswegen helfe ich dir. Aber wie willst du das ganze denn anstellen?“, fragte Rod unsicher.
„Wenn ich ehrlich bin, ich hab keine Ahnung.“

7. Kapitel

Am nächsten Tag trafen sich Rodrigo und Bela schon etwas früher im Proberaum, um einen Plan zu entwickeln.
„Bela, ich habe echt die ganze Nacht darüber nachgedacht.“, nervös ging Rod im dem kleinen Raum auf und ab, „Aber ich glaub, du bist verrückt geworden.“
„Egal, Hauptsache du hilfst mir trotzdem.“, erwiderte er trocken und schaute seinen Freund dabei erwartungsvoll an.
„Ja, aus irgendeinem unerklärlichen Grund mache ich das. Vielleicht sollte ich auf mein Auto „Ein Herz für Irre“ kleben oder so.“
Bela verdrehte daraufhin nur die Augen und zog etwas aus seiner Hosentasche.
„Ahh, ein Maßband. Willst du Jan jetzt bitten, dass es doch einmal stehen bleiben möge, damit du ich vermessen kannst, weil du glaubst, dass er kleiner geworden ist?“, fragte Rod unter dem Einsatz triefenden Sarkasmus.
„Nein, da er das bestimmt nicht zu lassen wird. Deswegen habe ich eine viel bessere Idee.“, Bela ging zum Türrahmen und ließ das Band zu Boden gleiten, „Reich mir doch mal bitte einen Bleistift.“
Gehorsam ging Rod zu dem Schreibstich, wo er auch nach kurzer Zeit einen passenden Stift fand und diesen Bela reichte.
„So, hier sind genau 1, 94 Meter. Sollte er nun durch den Türrahmen kommen, dann können wir quasi auf einen Blick bestimmen, ob er so groß ist oder nicht. Einfach genial, oder?“, lachend drehte sich Bela wieder zu dem Bassisten um, nachdem er den Strich an der richtigen Position gemacht hatte.
„Bela, Bela. Ich bin echt beeindruckt von deiner Intelligenz. Komisch, dass du die so selten zeigst.“, Rod grinste ihm frech entgegen.
„ROD!“, sagte Bela und warf nach ihm mit dem Bleistift, „Seit wann bist du denn so vorlaut geworden?“
Doch die Antwort sollte Rodrigo ihm schuldig bleiben, denn in diesem Augenblick kam der blonde Mann hinein. Sofort schaute Bela zu ihm und glich die Größe mit dem Strich am Türrahmen ab und wie er erwartet hatte, war dieser Mann kleiner. Zwar nur einige Zentimeter, aber kleiner und Bela hatte es gemerkt. Sofort warf er Rod einen Blick, der wohl so viel wie „Siehste, ich habs dir doch gesagt!“, heißen sollte. Ungläubig konnte dieser nur nicken.
„Hey Jungs, ihr seid ja schon da.“, verwundert stellte der Große seine Gitarre ab und schaute sie fragend an.
„Ja, Rod hat mich heute aus dem Bett geklingelt.“, Bela lachte laut auf, aber es klang unnatürlich, aufgesetzt. Es kam einfach nicht von Herzen.
„Ach so, na dann.“, der blonde grinste und fing an, seine Gitarre auszupacken und vorzubereiten.
„Gestern war echt schön.“, sagte er beiläufig.
„Ja, das war‘s.“, auch Rods lächeln wirkte nun aufgesetzt. Belas gesamte Verschwörungstheorien hatte er zwar für bekloppt erklärt, aber das dieser Farin wirklich kleiner war als sonst, war mehr als merkwürdig.
„Dann fangen wir mal an.“, unsicher klatschte Rod in die Hände und nahm seinen  Bass. Auch Bela ging zu seinem Instrument, sodass die Probe endlich beginnen konnte. Der blonde Mann merkte nicht, dass die beiden langsam an ihm zu Zweifeln begannen und so spielte er munter und vergnügt die Gitarre, während der echte Jan Vetter langsam aber sicher aufgab.

Bewegungslos lag dieser auf dem Boden und starrte an die graue Wand gegenüber. Hätte Bela oder Rod ihn vermisst, dann hätten sie ihn doch längst gesucht. Aber hier war niemand. Er war allein, ganz allein.

Verdammt dazu allein zu sein, ein ganzes Leben lang allein.
Sie dich doch um, sieh’s endlich ein, du bist allein, du bleibst allein
ALLEIN!

Immer wieder schwirrten die Wörter in seinem Kopf. Ja, am liebsten hätte er sie heraus geschrien, aber es ging nicht. Seine Stimme war vollkommen zerstört von der letzten Schreiperiode und was hatte es ihm gebracht? Nichts. Niemand war da. Niemand nahm ihn in den Arm. Niemand suchte ihn.
Tränen rannen über seine Wangen. Stumm natürlich.
Er hatte keine Kraft mehr bewusst zu weinen, konnte seine Gefühle nicht mehr kontrollieren. In jeder Minute, die verstrich, brach sein Herz mehr, zerbrach sein Vertrauen darauf, dass er gerettet werden sollte.
Jan hatte aufgeben.

Gleichzeitig hatten die drei in dem Bandraum eine kleine Pause eingelegt und sich etwas vom Pizzaservice bestellt. Nun lag Bela ausgestreckt auf dem Sofa, wobei er aus langer Weile immer und immer wieder eine kleine Papierkugel nach oben warf und diese wieder auffing.
Rod und der Mann saßen jeweils auf einem Stuhl und unterhielten sich angeregt über dessen letzte Reise. Oder besser gesagt, über die Reise, die er angeblich bestritten hatte, es aber natürlich Farin war und nicht er selbst.
„Bela? Wollen wir weiter machen?“, fragte Rod nachdem sein Gespräch mit dem Mann beendet war.
„Nee, ich bin so voll gefressen. Ich kann jetzt nicht Schlagzeug spielen.“, stöhnte dieser.
„Bela, du kannst auch sonst nicht Schlagzeug spielen.“, sprach Rod vergnügt aus.
„DU ARSCH!“, rief der angesprochene wütend und warf die Papierkugel in seiner Hand nach Rod, doch da er auf dem Sofa lag, war es schwer für ihn ordentlich zu treffen und so flog die Kugel an dem Bassisten vorbei, direkt auf den Mann zu.
Dieser hob reflexartig seine linke Hand und fing die Kugel ab, bevor sie ihm im Gesicht traf.
Bela und Rod hatten diese kleine scheinbar unwichtige Handlung verfolgt. Beide schauten sie daraufhin wissend an, denn in beiden Gesichtern konnte man diesen einen Satz lesen:
„Jan ist doch Rechtshänder.“
Auch dem Mann war sein Fehler natürlich sofort aufgefallen, aber die Reflexe konnte nicht einmal er kontrollieren. Schnell versuchte er die plötzlich angespannte Stimmung zu überspielen, doch es klappte nicht.
Die beiden Freunde schauten ihn immer noch skeptisch an, während dieser sich innerlich verfluchte. Alles hatte er getan, damit es nicht auffiel, dass er Linkshänder war. Er hatte stundenlang geübt mit rechts zu schreiben, hatte sich sogar das Gitarre spielen für die rechte Hand beigebracht und jetzt sollte alles wegen einer kleinen verdammten Papierkugel auffliegen?
„Ähm Jungs, entschuldigt mich. Ich hab noch was zu tun. Wir sehen uns morgen?“, mit diesen Sätzen war der Mann auch schon aufgesprungen und aus dem Proberaum gerannt.
„Siehste, was hab ich dir gesagt. Irgendetwas stimmt da nicht.“, flüsterte Bela aus Angst, dass der vermeidliche Farin, ihn ansonsten hören konnte.
„Ja, aber Bela, dass konnte doch auch Zufall gewesen sein.“, versuchte Rod es erneut. Ihm wollte einfach nicht in den Kopf gehen, dass dieser Mann nicht Farin war.
„Du meinst, es sei Zufall, dass dieser kleiner als der echte Jan ist und dass er mit links anstatt mir rechts fängt?“
„Ja, ich weiß nicht Bela. Ich bräuchte einen richtigen Beweis. Etwas, das nur Jan hat.“
Auf einmal bildet sich auf Belas Gesicht ein breites Grinsen.
„Ich hab da schon eine Idee. Es wird zwar brutal, gefährlich und aufregend. Aber danach haben wir Gewissheit.“
An dieser Stelle verkniff sich Rod jeglichen Kommentar, denn er wusste, Bela war nun nicht mehr aufzuhalten.

8. Kapitel

Nervös ging Rod in dem Proberaum auf und ab. Bela hatte ihn haarklein jedes Detail erzählt und nun musste der Plan nur noch ausgeführt werden. Der Kaffee in seiner Hand befand sich da nicht zufällig. Nein, er sollte ihn den fremden Mann über sein Shirt schütten, weil sich darunter etwas verbarg, was nur der echte Jan hatte. Eine kleine, aber feine Narbe auf der linken Brust.
Bela war die Geschichte ein bisschen peinlich, da Rod ihm aber nur unter der Bedingung helfen wollte, dass er alles wusste, musste er sie erzählen.
Es war schon viele viele Jahre her, genauer gesagt, geschah es noch in der Zeit, wo er mit Farin zusammen wohnte. An einem Abend jedenfalls war er mal wieder vollkommen auf Drogen und saß in seinem Zimmer, wo er sich selbst mir einer kleiner Rasierklinge schnitt. Farin hatte dieses bemerkt und wollte ihn davon abhalten. Sie fingen an sich zu streiten und irgendwann kam es sogar zu einer körperlichen Auseinandersetzung, die Bela aber gewann. Er saß auf Farin und drückte seinen Freund zu Boden.
„Du willst es doch auch. Du traust dich nur nicht. Komm, spüre das Leben auch in dir.“, Bela erinnerte sich noch heute an diese Worte, die er seinem Freund ins Ohr flüsterte, bevor er die Klinge ansetzte und über die Brust zog.
Er erinnerte sich noch haargenau dran, weil er dadurch beinahe ihre Freundschaft zerstört hätte. Aber Farin hatte ihn verziehen, sie blieben Freunde und Bela hörte endgültig mit  den Drogen auf.
Rod lauschte dieser Geschichte zutiefst schockiert, aber er befand sich nicht in der Position Bela zu verurteilen, besonders nicht, wenn Farin ihm verzieh. Außerdem war es Vergangenheit. Er kannte sie zu dieser Zeit noch nicht einmal.
Ein leises Knacken lenkte Rodrigos Aufmerksamkeit zur plötzlich Tür. Nur noch wenige Sekunden und sie hatten Gewissheit.
Die Klinke wurde nach unten gedrückt und schon stand er da, der blonde Mann. Rod stolperte sofort auf ihn zu und übergoss ihn mit dem heißen Getränk. Genauso, wie er es mit Bela besprochen hatte.
„Ahh, scheiße ist das heiß!“, schrie der getroffene und wedelte mir seinen Händen, um sich kühle Luft zu zufächeln.  
„Du, du musst es ausziehen.“, stotterte Rod panisch und half dem Mann aus dem Shirt  und auf einmal ging alles ganz schnell. Ehe Rod schauen konnte, ob es die Narbe gab, war Bela aus seinem Versteck gesprungen und prügelte auf diesen ein. Fassungslos beobachtete Rod das Schauspiel bis Bela von dem bewusstlosen Mann abließ und sich schnaufend erhob. Mit Tränen in den Augen wandte er sich plötzlich an Rod:
„Wo ist der echte Jan? Wo ist mein Jan?“
Leicht schüttelte er seinen Kopf.
„Ich weiß es nicht, aber wie werden jetzt die Polizei rufen und die werden ihn finden. Hoffentlich.“, ein wenig zerstreut machte sich Rodrigo daran, dass Telefon zu suchen und sich in Verbindung mit den Polizisten zu setzen, während Bela den Mann knebelte.
„Du Arsch.“, murmelte er dabei unaufhörlich und schnürte ihn so fest zu, wie es ging.
„Bela?“, fragte Rod leise.
„Ich habe mit den Polizisten gesprochen. Sie werden sofort herkommen und dann klärt sich alles auf. Mit Sicherheit. Wir werden ihn finden.“, vorsichtig drückte er Bela an sich.
„Und was, wenn nicht.“, wieder füllten sich seine Augen mit Tränen.
„Psst, so etwas darfst du gar nicht denken.“, Rod wiegte ihn leicht hin und her bis er sich beruhigt hatte. Es dauerte auch nicht lange bis die Polizisten kamen.
Die beiden Freunde erklärten ihnen den Sachverhalt und führten sie dann zu dem Mann. Dieser war mittlerweile wieder aufgewacht und saß gefesselt, aber entspannt auf dem Stuhl.
„Wer sind Sie?“, fragte ein der Polizisten.
„Jan Vetter. Wer soll ich denn sonst sein?“, lachend schaute er in die Gesichter.
„Kommt Jungs, was soll das? Es war ja ganz lustig, aber jetzt macht mich wieder los.“
Der Polizist schaute Bela fragend an. Dieser schüttelte daraufhin den Kopf.
„Nein, dass ist nicht Jan Vetter. Er ist kleiner und ihm fehlt die Narbe auf der Brust, außerdem ist dieser hier Linkshänder.“ Langsam begann es in Bela zu brodeln.
„Du Arsch, sag mir jetzt, wo Jan ist.“, schrie er ihn an.
„Beruhigen Sie sich doch Herr Felsenheimer. Wir werden diesen Mann jetzt erst einmal mit auf das Präsidium nehmen und dort  werden wir  die Fingerabdrücke überprüfen. Danach haben wir auf jeden Fall Gewissheit.“
Bela nickte. Seit sie mal eine Anzeige bekommen hatten, waren er und auch Farin offiziell in den Polizeiakten vermerkt. Nie hätte er gedacht, dass sich dies mal als nützlich erweisen könnte.
„Können wir mit?“, fragte Bela.
Nachdem der Polizist dies bestätigte, fuhren sie alle zu dem Präsidium. Dort hatten sie nach einigen Minuten die Wahrheit schwarz auf weiß vor sich liegen. Dieser Mann hieß nicht Jan Vetter.
„So, Herr Maximilian Döge. Hiermit ist bewiesen, dass sie nicht Jan Vetter sind. Was haben Sie mit ihm gemacht?“, fragte der Polizist forsch.
„Nichts, ich bin Herr Vetter.“, kam es nur grinsend zurück.
„NEIN, VERDAMMT NOCHMAL. SIE SIND HERR DÖGE!“, schrie der Polizist wütend. Auf einmal ging die Tür auf und ein weiterer Polizist kam mit einer Akte herein, die er wortlos an den Chef überreichte.
Dieser überflog die Blätter schnell, bevor er sich wieder umdrehte.
„Wir wissen genau, wer sie sind. Sie wurden gleich nach ihrer Geburt zur Adoption frei geben. Zu ihrer Geburt am 27. Oktober 1963. Sie sind der Zwillingsbruder von Jan Vetter.“

9. Kapitel

Den Polizisten war nun klar, dass sie es mit einem psychisch gestörten Mann zu tun hatten, deswegen holten sie einen Psychologen zu Hilfe.
„Warum wollen Sie Herr Vetter sein?“, fragte dieser behutsam.
„Ich will nicht, ich bin es.“, murmelte Max.
„Nein, Sie sind sein Bruder. Liegt es vielleicht daran, dass er reich und ein Rockstar ist, während Sie am Existenzminimum leben? Liegt es daran, dass er alles hat, was Sie sich schon immer gewünscht hatten? Familie, Freunde?“
Maximilian schüttelte vehement seinen Kopf, doch die Tränen, die nun über seine Wange liefen, verrieten etwas anderes.
„Wo ist er?“, fragte der Psychologe leise.
Wieder schüttelte Max nur den Kopf.
„Hören Sie mir mal zu, er ist immer noch ihr Bruder. Sie sind eine Familie. Wollen Sie wirklich, dass er stirbt?“
„Nein, das will ich nicht.“, wimmerte er leise vor sich hin.
„Gut, dann sagen sie mir, wo er ist.“, die Stimme des Psychologen war nun eindringlich.
„In der alten Fabrikhalle.“, nuschelte Maximilian endlich. Sobald die Information aus ihm heraus war, schickten die Polizisten einen Streifenwagen sowie einen Rettungswagen zu dem Ort. Bela wäre am liebsten mitgekommen, aber er musste im Präsidium warten. Währenddessen wurde Maximilian abgeführt und eine geschlossene Anstalt eingeliefert. Dieser Mann war wirklich geisteskrank.

„Bela?“, fragte Rod unsicher. Sie saßen die ganze Zeit schweigend auf den Stühlen im Präsidium und lauschten, ob sie irgendwelche Neuigkeiten erfuhren, doch es blieb still.
„Ja,  Rod.“, seufzte der Drummer.
„Es tut mir wirklich Leid, dass ich dir nicht glauben wollte.“, verlegen schaute er zu Boden.
„Ach Rod, wer weiß, ob ich dir geglaubt hätte. Vielleicht hätte ich dich sogar gleich einliefern lassen.“, Bela lachte lustlos auf und drehte seinen Kopf nun zu Rodrigo, um ihn direkt in die Augen sehen zu können. Er wollte noch etwas sagen, doch dieser schüttelte nur den Kopf. Denn er konnte alles Wichtige in Belas Augen lesen. Furcht, Dankbarkeit, Anspannung … einfach alles.
„Er schafft das.“, wiederholte Rod noch einmal. Aber vielmehr, um sich selbst Mut zu zusprechen.
„Ja, ich weiß.“ Danach herrschte wieder Stille zwischen den Beiden bis plötzlich der ersehnte Funkspruch zu hören war.
„Chef, wir haben ihn.“

Die Polizisten waren mittlerweile bei der alten Fabrikhalle angekommen und stürmten sofort die einzelnen Bereiche. Es dauerte gar nicht lange, bis sie den völlig entkräfteten Farin auf dem Boden gefunden hatten. Die Sanitäter überprüften die Vitalfunktionen und stellten schnell eine Dehydrierung fest, der sie mit einer Infusion entgegenwirkten. Des Weiteren wurde der Kreislauf stabilisiert, sodass der Patient ohne weitere Komplikationen ins Krankenhaus gefahren werden konnte.

„Wir müssen sofort zu ihm.“, sagte Bela als er den Funkspruch hörte. Schnell fragte er nach dem Krankenhaus und bestellte für sie beide ein Taxi. Nach einer kurzen Fahrt waren sie endlich angekommen.
„Wo liegt Jan Vetter?“, fragte Bela völlig außer Atem an der Rezeption.
„Er wurde vor einer halben Stunde eingeliefert und liegt nun Zimmer 353.“, erwiderte die junge Frau freundlich.
„Dankeschön.“, wie von der Tarantel gestochen, stürmte Bela los und schaffte es wohl in Rekordzeit in den dritten Stock.
Genauso ungehemmt wie er durch das Krankenhaus rannte, stürmte er auch in Farins Zimmer.
„Oh Gott, Jan.“ sagte er völlig außer Atem als er ihn wirklich dort liegen sah. Er war blass und dünner. An seinem Arm heftete immer noch die Infusion, aber ansonsten schien es ihm gut zu gehen.
„Bela.“, kam es leise zurück. Die Stimmbänder waren immer noch völlig überanstrengt, aber eigentlich brauchten diese beiden keine Worte. Sie verstanden sich auch so.
„Hey Jan.“, sagte nun auch Rod. Doch im Gegensatz zu Bela wirkte es bei ihm schüchtern. Die drei Freunde lächelten sich an bis Bela auf Farin zu ging und ihn umarmte.
Weinend vergrub er sein Gesicht in Farin Brust.
„Jan, du bist es wirklich. Komm her, Rod. Er riecht sogar nach sich. Das ist mein Jan.“, weinte Bela.
Der sichtlich verwirrte Farin legte sanft seinen Arm um Belas Körper und strich ihm immer wieder sanft über den Rücken.
„Was … was ist denn eigentlich passier?“, fragte er unsicher.
Da Bela sein Gesicht immer noch in Farins Bauch vergrub, nahm sich Rodrigo einen Stuhl und erzählte die ganze Geschichte.
„Ich habe einen Zwillingsbruder?“, fragte der blonde Hüne perplex.
„Ja, einen Irren.“, nuschelte Bela ohne seinen Kopf zu heben.
„Ich habe einen Bruder!“, rief Farin erfreut aus, „Wenn ich hier raus bin, dann müssen wir ihn unbedingt besuchen. Ich habe so viele Fragen. Warum? Wieso? Woher weiß er von mir, wenn ich nicht von ihm weiß?“ Zum Schluss des plötzlichen Redeschwalls war seine Stimme nur noch ein Wispern.
„Jan, dieser Typ wollte dich umbringen. Er wollte deinen Platz im Leben einnehmen und du willst ihn besuchen gehen?“, fragte Bela verwirrt.
„Ja, er kann doch nichts dafür, dass er … nun ja … verrückt ist. Außerdem will ich hin ja nur besuchen und nicht bei mir aufnehmen.“, Farin lachte leise.
„Bela, bist du sicher, dass das hier der richtige Jan ist? Mir erscheint dieser nämlich auch ein wenig verrückt.“, sagte Rod fassungslos.
„Jup, bin ich. Den würde ich immer und überall erkennen.“, erwiderte Bela glücklich und auch Farin strahlte ihm entgegen.
„Dankeschön.“, flüsterte er, bevor sie sich alle drei noch einmal in den Arm nahmen und plötzlich wusste auch Rodrigo, was Bela meinte.
Es fühlte sich bei dieser Umarmung einfach richtig an.  Er fühlte die Geborgenheit, die Wärme und er bildete sich sogar ein, den spezifischen Geruch seines Freundes wahrzunehmen.

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