login   anmelden   
 
Ja   nein   

„Weißt du eigentlich, wie es ist, jede Nacht mit einem vernarbten Körper in eine Welt zu gehen, deren Trümmer dir bei jedem Schritt neue Narben zufügen? Weißt du, wie es ist, wenn dir jeder Mensch, der dir entgegen kommt, nachstarrt und dich bewertet? Ich weiß, wie es ist. Ich gehe jede Nach über Straßen voller ascheblinder Scherben, weil das kalte Feuer der Seelen, die diese Welt bevölkern alles niederbrennt, das ihnen im Weg steht. Und verdammt noch mal, manchmal glaube ich, ich bin der Einzige, den diese Feuer frösteln lassen. Ich habe Angst. Ich habe Angst davor, eines Tages von diesen Feuern verzehrt zu werden, ohne dass mein Herz je geschlagen hat. Verstehst du, es ist mein Schicksal, diese Flammen zu bekämpfen. Aber das interessiert niemanden. Ihr seht doch alle nur meine Augen, meine flammenden Augen. Und ihr urteilt, ihr meint, ich wäre schlecht. Dass die Flammen in mir euer Feuer ist, das seht ihr nicht. Ich dachte, du wärst anders. Ich dachte wirklich, du wärst anders.
Seine Augen verdunkelten sich und er wandte sich abermals ab Seine Armmuskulatur war bis aufs Letzte gespannt, seine Händeballten sich wie in Zeitlupe zur Faust. So stand Sarym da, den Kopf gesenkt, die Augen niedergeschlagen, die Arme neben dem Körper gespannt, mühsam beherrscht, nicht gegen die Wand zu schlagen. Celia saß fassungslos auf dem schmalen Stahlbett. Noch nie zuvor hatte sie ihn so erlebt. Wütend, ja. Aber nicht so.. Verletzt. Mit einem Mal erschien er ihr so einsam und in irgendeiner Art und Weise empfand sie Mitleid mit ihm. Sie beobachtete ihn, wie er dastand, eingefroren, ein Abbild seiner Hilflosigkeit, seiner Unfähigkeit, etwas zu tun. Die Zeit um sie herum schien still zu sehen und ihnen Raum zu lassen, Luft zu geben. Alles um Celia gefror, nur sie selbst strahlte in warmem Glanz. In ihr stiegen züngelnde Flammen auf, sie spürte, wie ihr Herz schlug und in ihr der Drang wach wurde, zu ihm zu gehen.
Er hatte etwas längeres, nachtschwarzes Haar, das sich im Nacken ein wenig lockte. Seine Haut war von Narben übersät, Narben, die von seiner Vergangenheit erzählten, von seinem Schicksal in die Haut geritzt. narben, die ihn für immer brandmarken und bestrafen sollten für all das, was er erlebt hatte. Und doch taten sie seiner Schönheit keinen Abbruch, im Gegenteil, sie ließen ihn noch stärker erscheinen. Sie zeugten von innerer Stärke. Und seine Narben faszinierten Celia. Sie kannte jede einzelne von ihnen, wahrscheinlich besser als sonst jemand. Doch wirklich sehen konnte sie sie erst in diesem Augenblick.
Celia war vertraut mit den Gefühlen, die sie ausfüllten, sie wusste, was sie bedeuteten, aber sie wollte nicht fühlen. Bis heute hatte schlichte Angst ihre Gedanken bei seinem Anblick beherrscht. Doch in jener Sekunde, in jenem Augenblick war ihr Herz erfüllt von Liebe. Sie wollte die Dunkelheit aus seinem Blick nehmen und den Flammen in seinem Inneren das Feuer. Und trotz der heftigen Welle, die voller Liebe und Sehnsucht nach ihm ihren Körper durchflutete, konnte sie nicht vergessen. Sie konnte nicht vergessen, wo sie war, konnte nicht die Kälte in seiner Stimme vergessen und konnte sich selbst nicht aufgeben. Sie konnte ihre Vergangenheit nicht vergessen.
Sarym blickte auf und starrte die Wand vor ihm an. In ihm schrien so viele Gedanken. Die Verzweiflung und die Wut schalteten seine Logik aus und trieben Hitze in sein Gesicht. Voller Hass starrte er diese Wand an, die ihn mit ihrem Weiß zu ersticken drohte. Schwarzer, drängender Hass erfüllte ihn und ließ ihn innerlich verbrennen. Seine Augen färbten sich schwarz und eine eisblaue Träne lief ihm über die Wange und gefror an seinem Kinn. Er schlug seinen Kopf gegen die Wand, sie sollten still sein, alle sollten ein für alle Mal still sein, es sollte aufhören, die Blicke, er wollte schreien, ihr Kuss versiegelte seine Lippen, vertraut, doch er gab ihnen nicht nach.
Wütend stieß er sie von sich, mit einer festen Ohrfeige und dem Abdruck seiner Hand auf ihrer Wange saß sie nun auf dem Boden. Die Knie dicht an ihren Körper gezogen und mit Tränen in ihren samtblauen Augen. Er konnte zusehen, wie Misstrauen und Angst ihren Blick verschleierten. Ihre Mundwinkel zitterten. Er wusste, sie würde bald weinen. Und abermals wegen ihm.
Seine weichen Lippen nahmen ihr die Angst und das Misstrauen wich der Erschöpfung. Sarym schloss sie sanft in seine Arme. „Es tut mir leid. Es tut mir unendlich leid...“
„Das bringt sie nicht zurück.“
Es war das erste Mal, dass er sie hatte sprechen hören. Ihre Stimme war zart, wie die eines Engels sie sein musste, doch so von Schmerz erfüllt, dass er mit einem Mal ihr Leid verstand. Er verstand den Schmerz in ihren Augen und wünschte sich nun doch, er stünde wieder vor einem Rätsel. Doch das Rätsel schien gelöst.
„Es tut mir leid, Sarym. Ich wollte dir all das ersparen. Doch du warst so... Und du hast mich trotzdem nie gebeten, auch nur ein Wort zu sagen. Du warst auch anders. Zumindest dachte ich, du wärst anders.“
Sie sah ihm direkt in die Augen und ließ sich von deren wohltuender Kälte einnehmen, gab ihr nach und blickte ihn unverwandt an. In ihrem Blick lag die Müdigkeit, auf die man nur in den Augen alter Menschen treffen sollte, die mit ihrem Leben abgeschlossen hatten. In ihren Augen lag so viel Schwäche, Abgeklärtheit und auch ein wenig Enttäuschung. Es war ein Blick, der ihn mitten in sein nicht-vorhandenes Herz traf. Ein Blick, dem er zum ersten Mal erlebte, ein Blick, der Sehnsucht in ihm weckte und ihn seine Narben vergessen ließ.
„Celia? Darf ich dir eine Frage stellen?“
Langsam und behutsam löste sie sich aus seiner Umarmung, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen. Sie wollte gar nicht reden, sie hatte es noch nie gewollt, ihre Worte blieben ja doch ungehört. Es spielte schon lange keine Rolle mehr, ob sie sie aussprach oder nicht. Sie war sich nicht sicher, ob es je eine Rolle gespielt hatte.
Er deute ihr Schweigen als Ja. „Wo ist Taja jetzt?“
Ihr Blick glitt in die Ferne und Leere hüllte sie ein.

Homepage Erstellung und Pflege: Superweb Homepage-Erstellung